Immer mehr Fußballspieler tragen Tattoo, nein, eigentlich werden sie von Tattoos überwuchert, die Zeichen kriechen unter den Trikots hervor, als wollten sie die Spielergesichter verschlingen. "Hier spielen jetzt nur noch Gangster", sagte kürzlich der Schalker Abwehrmann Santana, als der umfangreich tätowierte Mittelfeldregisseur Kevin-Prince Boateng zu seiner Mannschaft stieß. Aber vielleicht hat das Spielertattoo weniger mit Gangsterfolklore zu tun als mit jener der Seeleute und Piraten. Seefahrer waren in aller Regel Nichtschwimmer, und sie ließen sich tätowieren und Ringe anhängen, damit man sie, falls sie ertranken und geborgen wurden, an ihrem Körperschmuck erkannte.

Mein Verdacht ist: Auch die Berufsfußballspieler lassen sich tätowieren, damit sie im Mahlstrom des internationalen Geschäfts nicht verloren gehen, wenn sie nach Irrfahrten durch Portugal, Russland, Tschechien und Kasachstan schließlich vom Scheich an Land gezogen werden, um in einer arabischen Ölliga ihre Karriere als Freistoßspezialist zu beenden.

Vermutlich handelt es sich bei der neuen Körperkunst des Fußballs auch um das, was in der Tierwelt Schrecktracht heißt: Man macht dem Fress- und Strafraumfeind Angst, indem man Grauen erregt. Während es den Spielern offiziell verboten ist, die eigene "Körperfläche" zu "vergrößern" – so was wird im Strafraum mit einem Handelfmeter geahndet –, tun sie es insgeheim doch: mit Haut und Haar.

So erklärt sich auch die Popularität des Irokesenschnitts unter jungen Spielern. Bei dieser Haartracht denke ich immer an Robert de Niro als Taxi Driver, der sich, ehe er zum Amoklauf durchs New Yorker Rotlichtmilieu aufbricht, das Haar zum Kamm rasiert: Nun spritzt Blut, Rücksicht kann nicht mehr genommen werden! Allerdings trug de Niro zum Killerhaarkamm eine Sonnenbrille – und das erlaubt das Fußballreglement noch nicht.

Sehr schade, dass die Uefa bei den Accessoires solche Strenge walten lässt, denn sonst würden die tief hängenden Hosen, Baseballkappen und schnürsenkellosen Sneakers, die in the hood, im Kiez, zum Gangsta-Look gehören, längst die Kleiderordnung auf unseren Fußballplätzen bestimmen. Auch die hochbeinigen, ondulierten Damen, die in der Großstadt die halb kriminelle Herrenwelt umschmeicheln (und von den Gangstas mit dem zärtlichen Schimpfnamen "bitches" gerufen werden), spielen im Berufsfußball noch eine geringe Rolle. Allerdings tun die weiblichen "Field Reporter" der Sportsender am Spielfeldrand schon sehr engagiert, was sie können.