Die Nacht, die in der Fraunhofer Schoppenstube jahrzehntelang besungen wurde, indem sie nämlich nicht allein zum Schlafen da ist, hat sich dann doch verzogen. Weil es aber die letzte hier gewesen sein sollte, fingen die Musiker einfach noch einmal mit dem Kriminaltango an, während ein zaghafter Sonntagmorgen an der Isar unten schon die Dachgiebel dottergelb tünchte. "Mei, is’ des traurig", sagte ein Mensch mit einer Werbetexter-Brille, "da bestell ich schnell noch einen Champagner." Die Gäste, matt von der lauen Luft und der ganzen Melancholie, dehnten schwer die Vokale bei der Strophe, "Abend für Abend immer das Gleiche, denn dieser Tango geht nie vorbei".

Was nicht stimmte, denn die Schoppenstube machte gerade endgültig zu, obwohl die Wirtin Gerti Guhl zusammen mit Stammgästen gekämpft hatte wie eine Löwin für das Lokal, das sie vierzig Jahre lang betrieben hat. Aber der Hausbesitzer verlängerte ihr den Mietvertrag nicht mehr. Es ist natürlich wieder gesagt worden, die Gentrifizierung sei schuld, denn tatsächlich hat sich das Glockenbachviertel an der Fraunhofer Straße in München im letzten Jahrzehnt gründlich verändert und seine Bewohner so ziemlich ausgetauscht. Erst mal sah es aber so aus, als würde die Schoppenstube davon eher profitieren. Dass ihr Ruf noch bis in die New York Times vordrang, dürfte damit zu tun haben, dass sich ein bestimmtes Milieu in der Nachbarschaft aufzuhalten begann.

München ist ja, auch wenn es sich anders gebärdet, keine wirklich große Stadt. Heterogenität gibt es nicht in der Fläche, es gibt keinen Kiez und keine Szeneviertel, dafür gibt es zu wenig Viertel und zu wenig Szene – und möglicherweise zu viel Geld. Und auch das Milieu der Künstler, Studenten und Kreativen, das ja immer auch die Vorhut der Gentrifizierung bildet, ist nicht dicht genug, um unter sich bleiben zu können, wie es das in Berlin oder New York versucht. Es gibt sich stattdessen gern lässig-originell, sucht das Authentische im Gemeinen, die Mischung im Kleinen, kultiviert das Urige, Volksnahe. So kommt es zu einer seltsamen Liebe dieser Leute zu kleinbürgerlichen Lokalen, die vor allem dem friedlichen Konsum von Weißbier gewidmet sind und auch so aussehen und riechen. Im Dialekt heißen sie Stüberl oder Boazn.

Man muss das als lokale Ausprägung eines global wirksamen hipsterism verstehen, der ja mit Gentrifizierung einiges zu tun hat: Ein junges, schickes, gebildetes Milieu eignet sich Orte und Dinge an, die eigentlich trivial waren, vormals schmutzig oder einfach stinknormal. Es nähert sich dem mit dieser Mischung aus Ironie und Nostalgie, die vorwegnimmt, dass es all das bald nicht mehr geben wird.

Und wirklich, es ist eine fatale Liebe, denn das Interesse der Investoren folgt dem Hipster auf dem Fuß. An prosperierenden Orten wie München dauert das oft nur ein paar Jahre. In den alten Vierteln steigen dann die Mietpreise wieder, bis sich weder Studenten noch Stüberl-Betreiber ihr Leben dort noch leisten können. Im Grunde ist es ein altes Lied, Wikipedia zum Beispiel führt schon die Schwabinger Boheme der Jahrhundertwende als erste Gentrifizierer. Aber das lässt die Nostalgie nur umso wilder blühen und steigert das Tempo, in dem die Originale verschwinden und die Surrogate kommen.

Deshalb auch liegen dem im Münchner Volk Verlag erschienen Stadtführer Munich Boazn – Band 1: Giesing bereits selbstklebende Trauerränder bei, mit denen man die Lokale markieren kann, die seit Veröffentlichung dichtgemacht haben. In diesem Sommer ist der zweite Band über Sendling erschienen, und es soll weitergehen durch die Viertel. "Das gibt eine Enzyklopädie im Schmuckschuber", sagt der Autor Maximilian Bildhauer lustig, ein Mittzwanziger, studierter Grafikdesigner. Er trägt einen schwarzen Schnauzer, den er, wenn er ihn in seinen Cappuccino getaucht hat, mit der traditionellen Unterlippen-Bewegung bayrischer Männer vom Schaume befreit. Aus dem Nasenloch ragt ein Piercing, die Unterarme sind tätowiert. Auch in Brooklyn würde er nicht weiter auffallen.

Er ist in Untergiesing aufgewachsen, wohin sich die Gentrifizierung gerade vorkrakt. Schon als Schüler hat er dort mit Freunden vor und nach dem Ausgehen in der Innenstadt einige Bier in der Burg Pilgersheim oder der Giesinger Heiwoog getrunken. Die gibt es nicht mehr. In den Boazn, die noch da sind, tauchen jetzt manchmal Leute mit seinem Führer auf. Bei Facebook verabreden sich Gruppen zum "Boazn Bash" und stürmen zu Dutzenden ein Lokal, in dem gewöhnlich nur ein paar alteingesessene Trinker hocken.

Den Wirten, berichtet Bildhauer, ist das recht, es bringt immerhin Umsatz. Und seine Bücher, hofft er, heben vielleicht die Wertschätzung der Leute für die einfachen Stüberl. Dass die schon nicht mehr ganz so authentisch sind, sobald er sie betritt, weiß er auch. "Komisch ist es schon", sagt er, "Teil des Problems zu sein."