Man hört sie, bevor man sie sieht. Ein Summen, ein Giggeln, das Hallen von Schritten im Treppenschacht, da kommen sie auch schon durch die Tür geschwebt, umhüllt von einer Wolke aus Gesang: die Schwestern Haim. Befürchtungen, der Tourstress könnte ihnen die Stimme verschlagen haben, waren offenbar unbegründet, obwohl sie gerade aus dem Flugzeug gefallen sind, wirkt alles an ihnen so frisch wie der junge Tag. Jetzt setzen sie auch noch zu einer Impromptu-Version ihres Hits Forever an. Okay, das hätten wir schon mal begriffen. Haim sind keine Band, die sich das Singen vermiesen lässt.

"Test us", sagt Este, die Älteste, zur Begrüßung, und tatsächlich: Ein hingeworfener Songtitel genügt, schon rappeln sie los, zeichnen die Melodie in die Luft, spinnen ein kleines Stegreifarrangement drum herum, sie schlagen den Rhythmus auf die Schenkel und spielen Luftgitarre dazu, egal, ob es sich um Stück von Beyoncé oder Miriam Makeba handelt.

Der Ruf, eingefleischte Entertainerinnen zu sein, eilt diesen Frauen nicht umsonst voraus. Keine Minute ist vergangen, und schon befinden wir uns in einem Popquiz, bei dem die Antworten dreistimmig gesungen werden. Nach einer weiteren Minute steht fest: Haim sind eine wandelnde Jukebox. Was sich ihnen in den Weg stellt, wird zu Musik.

Wer hat sie auch in die Welt gesetzt, die Gerüchte, sie seien ausgebrannt, überfordert, zermürbt vom Hype um sie herum. Nein, das Trio aus Kalifornien, das an diesem meteorologisch durchwachsenen Spätsommermorgen auf der Dachterrasse eines Berliner Hotels Hof hält, ist von einer Aufgekratztheit, die Cheerleaderinnen erblassen lässt.


Während sie sich interviewgerecht formieren, Seite an Seite, wie es sich für Geschwister gehört, scheint alles an ihnen "Oh my God!" zu sagen, als könnten sie es noch immer nicht fassen, in dieser tollen Stadt zu Gast zu sein, als müssten sie den Zweiflern noch einmal beweisen, dass kein Blatt Papier zwischen sie passt und der Pop von ihnen sowieso ein- und ausgeatmet wird wie Luft. Eine Schwäche allerdings haben sie: Sie kommen nicht zum Punkt.

Wie oft ihr Debutalbum Days Are Gone angekündigt und im letzten Moment doch wieder verschoben wurde, lässt sich an einer Hand nicht abzählen.

Erst waren nicht genügend Songs beisammen, dann stimmte der Sound nicht, dann wurde das ganze Konzept noch einmal umgeworfen, weil der Produzent nicht der Richtige war – die Chronik eines angekündigten Erscheinens ist eine Geschichte für sich. Ein ungute Situation, wenn man als nächstes großes Ding gehandelt wird. Während die Band im Studio feilte und feilte, stieg der Erwartungsdruck ins Ungeheure, dieselben Blogger, die Haim aufgrund zweier Singles hochgeschrieben hatten, begannen bereits wieder mit dem Niederschreiben, was zu weiteren Verzögerungen führte. In der Sprache des Fußballs nennt sich so etwas "Abschlussschwäche", die Kreativwelt spricht vornehmer von "Prokrastination". Doch das sind bloß Namen.