Gerechnet hatten sie nicht mit ihrem Sieg, die Energierebellen der Initiative Unser Hamburg – Unser Netz. Doch am Sonntagabend stand fest: Der Volksentscheid ist durch. Eine knappe Mehrheit von 50,9 Prozent der Wähler plädiert dafür, dass die Hansestadt die Leitungen für Strom, Gas und Fernwärme vollständig zurückkaufen soll. Derzeit hält sie nur 25,1 Prozent der Anteile an den Netzgesellschaften des Betreibers Vattenfall – das war der Mehrheit der Bürger zu wenig Einfluss. Wie sehr sie den großen Energiekonzernen misstrauen, das erregte auch bundesweit Aufsehen.

Allerdings: Mit diesem Ja sind die Konflikte in Hamburg längst nicht vorbei. Der Weg zur Rekommunalisierung ist noch lang, und er ist voller Risiken und Hindernisse.

Am Zug ist jetzt Bürgermeister Olaf Scholz. "Der Senat sieht sich dem Votum verpflichtet", sagte er am Tag danach. Das muss er auch, denn an der Elbe sind Volksentscheide heute verbindlich. Doch leicht dürfte es den regierenden Sozialdemokraten nicht fallen, durch das energiepolitische Minenfeld zu manövrieren, das vor ihnen liegt.

Der Volksentscheid kann nämlich nicht von jetzt auf gleich umgesetzt werden. Wer die Netze in den nächsten 20 Jahren betreiben darf, wird nach strengen Regeln entschieden. Die Bürger konnten die Politiker nur beauftragen, sich bei der neuen Ausschreibung zu bewerben. Die Konzession für das Hamburger Stromnetz läuft Ende 2014 aus, fürs Gas zwei Jahre später. Für den Senat kommt es nun also darauf an, im Wettbewerb der Bieter zu überzeugen. Ob ihm das gelingt, wo er doch ursprünglich gegen so eine Bewerbung war?

Den ersten Schritt kündigten die Energiepolitiker der SPD immerhin sofort an: Man werde mit Vattenfall über die fehlenden 74,9 Prozent der Anteile verhandeln. Ein solcher Kauf wäre die einfachste Lösung – doch die unwahrscheinlichste ist sie auch. Der schwedische Staatskonzern verdient gut an den Netzen. Deshalb wird er sie kaum freiwillig abgeben.

Also Schritt zwei: Die Stadt geht allein ins Rennen, in Konkurrenz zum früheren Partner und womöglich zu weiteren Interessenten. Dazu müsste der Senat zunächst die Beteiligungsverträge auflösen. Hamburg bekäme die 543,5 Millionen Euro für seine Anteile zurück und würde eine eigene Netzgesellschaft gründen. Sie müsste bis zum 15. Januar ihre Bewerbung für das Stromnetz einreichen und rasch ein aussichtsreiches Konzept erarbeiten.

Denn auch wenn der Senat selbst den Zuschlag für die Konzessionen erteilt: Er muss sich dabei eng an fünf vorgeschriebene Kriterien halten und "diskriminierungsfrei" vorgehen. Ein kommunales Unternehmen bevorzugen darf er nicht, das schreiben Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt vor. Kartellamtschef Andreas Mundt schaut penibel hin, wenn kommunale Firmen Netze übernehmen. Und nicht nur er: Auch Altkonzessionäre, die leer ausgehen, gehen immer wieder gegen Kommunen vor. Möglich wäre so ein Rechtsstreit auch in Hamburg. Die Folge wären eine jahrelang unklare Rechtslage und hohe Kosten.

Prozessrisiken birgt überdies der dritte Schritt: die Einigung über den Kaufpreis für die Netze. Darum wird gepokert, falls die Stadt zum Zuge kommt. Rund zwei Milliarden Euro nennen Vattenfall und Olaf Scholz – die Betreiber des Volksentscheids bezweifeln diese Höhe. Und ein weiteres Gerichtsverfahren wird der Senat so gut wie sicher selbst vorantreiben müssen: Bei der Fernwärme bestreitet Vattenfall eine Klausel, die den Vertrag mit der Stadt zeitlich begrenzt. Gerade dieses Netz ist aber für die Energiewende besonders wichtig.

Lohnt sich das alles? Auch nach dem Volksentscheid bleibt Hamburg bei dieser Frage gespalten. Ja, meint die siegreiche Koalition aus Umweltinitiativen, Kirchengruppen, Verbraucherschützern und auch über hundert Unternehmen. Sie erhoffen sich mehr Tempo beim Klimaschutz, Einnahmen aus den Netzen und Wettbewerbschancen für lokale Anbieter. Nein, meinen die alten Energieversorger, die Senatsmehrheit und die etablierten Wirtschaftsverbände. Ihnen sind die finanziellen und juristischen Risiken zu hoch.

Diese Spaltung gibt es nicht nur in Hamburg: Am 3. November stimmen auch die Bürger der Hauptstadt über die Rekommunalisierung der Stromnetze ab, und auch dort ist der Betreiber Vattenfall. Geht dieser Volksentscheid ähnlich aus, dann wird es immer wahrscheinlicher, dass der ungeliebte Stromriese in Deutschland keine Zukunft mehr sieht.