Christian Hartmann verbringt sein Leben seit mehr als einem Jahr mit Adolf Hitlers Mein Kampf. 800 Seiten Hass, 800 Seiten völkisches Gedröhne, 800 Seiten Rassenwahn, von morgens bis abends. "Natürlich", sagt er, "ist allein die Lektüre eine Qual." Doch er wirkt dabei erstaunlich gut gelaunt.

Hartmann ist Historiker am Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ). Dort leitet der 54-Jährige das Team, das derzeit an einer kritischen Edition von Hitlers Elaborat arbeitet. Ende 2015 soll sie erscheinen, wenn – 70 Jahre nach dem Tod des Autors – die Rechte an Mein Kampf frei werden.

Jeder Verlag wird Hitlers Schrift dann nachdrucken können. Eine Aussicht, über die bereits 2010 viel gestritten worden ist, als das IfZ seine Ausgabe ankündigte. Muss das sein? Darf das sein? Die Sache hatte sofort den Ruch eines Tabubruchs – als sei die "NS-Bibel" in Zeiten grenzenlosen Onlinehandels nicht ohnehin für jeden erhältlich, der sie besitzen möchte und sie nicht bei Opa im Regal finden kann. Aber ist das "verbotene Buch" denn noch ein gefährliches?

"Gefährlicher ist wahrscheinlich sein Ruf", sagt Roman Töppel aus Hartmanns Team. Die Tatsache, dass es in Deutschland seit 1945 nicht mehr publiziert werden konnte, habe es zu einem finsteren Faszinosum gemacht – und in rechten Kreisen zur Trophäe. Zu einer ungelesenen vermutlich, denn es gibt effektvollere Verabreichungsformen rassistischer Hasspropaganda als diese endlosen Seiten, durchsetzt mit Anspielungen, die selbst für Historiker nicht leicht zu entschlüsseln sind. Trotzdem bringt sich Mein Kampf nicht von selbst um seine propagandistische Wirkung. Wie ein Blindgänger wird das Buch wieder ans Licht der Öffentlichkeit kommen. "Wir sind gewissermaßen der Kampfmittelräumdienst", sagt Christian Hartmann. "Wir drehen den Zünder raus."

Hartmann ist Militärhistoriker. Er forscht seit mehr als zwanzig Jahren zur Geschichte des Nationalsozialismus – unter anderem hat er Hitlers Reden, Schriften und Anordnungen herausgegeben –, und er spricht mit Verve über seine Forschung. Mein Kampf ist für ihn die wichtigste Quelle zur Ideologie des Nationalsozialismus und seiner Genese. Wer sich ernsthaft mit dem "Dritten Reich" befassen wolle, sagt er, der komme nicht umhin, diesen Urtext zumindest in Teilen zu studieren.

Am Ende werden die Forscher zweieinhalb Jahre an der Edition gearbeitet haben. Vier Historiker stehen Hartmann zur Seite: Neben Roman Töppel sind dies Edith Raim, Thomas Vordermayer und Pascal Trees. Sie haben sich die Bände nach Kapiteln aufgeteilt und versehen sie seit einem Jahr Seite für Seite mit Fußnoten: mit Hinweisen zum historischen Kontext, mit Exkursen, wo Mein Kampf auf Kommendes hindeutet, und mit Anmerkungen zu Hitlers Quellen: Wo hat er abgeschrieben? Was hat ihn interessiert? Eine mühsame Arbeit, denn der "Führer" war kein Freund der Fußnote. Der Text sollte eine Aura entfalten, da hätten Anmerkungen gestört. Was also könnte ihn wirkungsvoller entzaubern, als ihn aus den Höhen seherischer Verkündung herabzuholen und ihn in seiner historischen Bedingtheit sichtbar zu machen, als Ausdruck oder besser Auswurf seiner Zeit?

Am Ende wird das zweibändige Werk auf den doppelten Umfang angewachsen sein – gespickt mit Erklärungen, ummantelt von Kleingedrucktem: nichts als ein historisches Dokument.

Hitler schrieb seine Programm- und Bekenntnisschrift im Gefängnis, wo er wegen des Putschversuchs vom November 1923 einsaß. Die Haftstrafe war für ihn geradezu ein Glücksfall, eine Chance, sich zu sammeln und seine Rückkehr vorzubereiten. Die Festungshaft im bayerischen Landsberg am Lech sei seine "Hochschule auf Staatskosten" gewesen, sagte er später. In seiner Zelle arbeitete er von Juni 1924 an oft bis in die Nacht hinein. Nach mehr als sechs Monaten schloss er den ersten Teil ab (Eine Abrechnung), den zweiten (Die nationalsozialistische Bewegung) 1926, rund zwei Jahre nach seiner Freilassung im Dezember 1924.

"Wie ein kleines böses Kind erfindet Hitler die Welt neu"

Auf Hartmanns Schreibtisch liegt Mein Kampf in der "Bibelversion" – großformatig, schwarzer Einband, Goldschnitt. Es ist die Jubiläumsausgabe von 1939. Es gab auch noch die "Gesangbuch"-Variante – kleineres Format, dünneres Papier. Wer das Buch aufschlägt, findet gleich, was er sucht: eine lärmend posierende und haltlos vor sich bramarbasierende Prosa voll völkisch-rassistischer Abstrusitäten, einen Autor, lächerlich in seiner Sucht nach Erhabenheit und Größe. Doch wer so liest, tut nichts anderes, als sich der eigenen Nicht-Verführbarkeit zu versichern: Wie konnte man nur all den Unsinn glauben! Es ist beruhigend, den Nationalsozialismus zu etwas absolut Rätselhaftem oder etwas absolut Dürftigem zu erklären. "Wer lacht", sagt Hartmann, "steht nicht automatisch auf der richtigen Seite." Sich über Mein Kampf zu mokieren, das ist ihm zu einfach.