Es gibt erstaunlich wenige fundierte Hitler-Biografien, doch an Studien zu einzelnen Aspekten seiner Lebensgeschichte herrscht kein Mangel. Umso mehr überraschte es mich bei der Arbeit an meinem Buch, was in den Archiven noch zu entdecken ist, wie viel nie angerührt oder bis heute kaum ausgewertet wurde.

Man muss noch nicht mal weit reisen, in die USA oder nach Russland, wohin nach dem Zweiten Weltkrieg etliches Material gelangte. Viel Unbekanntes über Hitler habe ich in den Münchner Archiven gefunden. Dort sind im Institut für Zeitgeschichte neuerdings die Tagebücher Gottfried Feders zugänglich, elf Bände, von 1919 bis 1929. Der Mann ist heute vergessen, doch übte er als wirtschaftspolitischer Berater mit seinen Theorien von der "Brechung der Zinsknechtschaft" großen Einfluss auf Hitler aus.

Auch ein anderer wichtiger Nachlass liegt fast unbeachtet in München, in der Bayerischen Staatsbibliothek. Es sind die Hinterlassenschaften des Verlegersohns Ernst Hanfstaengl, eines frühen Wegbegleiters von Hitler, der 1930 zum Auslandspressechef der NSDAP ernannt und 1937 von Hitler wieder abserviert wurde. Im Exil machte sich Hanfstaengl Notizen über seinen einstigen Chef. Daraus erfuhr ich etwa, wie die Opern Richard Wagners Hitlers eigenes Rollenrepertoire beeinflussten.

Wenig später hielt ich die unveröffentlichten Erinnerungen des bayerischen Generalstaatskommissars Gustav Ritter von Kahr in den Händen. Ihn ließ Hitler in der "Nacht der langen Messer", seinem blutigen Schlag gegen die SA-Spitze 1934, ermorden. Das umfangreiche Manuskript liegt heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München und enthüllt, wie tief die führenden Männer Bayerns in Politik, Militär und Polizei 1923 in die Pläne zur Errichtung einer "nationalen Diktatur" verstrickt waren. Im selben Archiv finden sich die Tagebücher Rudolf Buttmanns, des NSDAP-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, die mir unerwartete Einblicke in die innerparteilichen Kämpfe nach Hitlers Entlassung aus der Haft Ende 1924 gaben.

Selbst bei prominenten NS-Größen stieß ich auf Überraschungen. Eine Recherche führte mich nach Bern. Dort, im Schweizerischen Bundesarchiv, wird der Nachlass von Rudolf Heß verwahrt. Dazu gehören Heß’ Briefe an seine Verlobte und spätere Frau Ilse Pröhl sowie an seine Eltern – sie bieten ein intensives Bild von Hitler in der Zeit seiner Landsberger Haft 1924 ebenso wie in den anschließenden Jahren des Neuaufbaus der NSDAP und ihres Durchbruchs zur Massenbewegung. Heß, einer der glühenden Anhänger der ersten Stunde und seit 1925 Privatsekretär Hitlers, war fast täglich mit dem "Tribun", wie er ihn nennt, zusammen. Die Auszüge aus den Korrespondenzen, die der Heß-Sohn Wolf Rüdiger 1987 veröffentlichte – im Jahr des Selbstmordes seines Vaters im Spandauer Gefängnis –, stellen nur einen Bruchteil des Materials dar. Die eigentümliche Wechselwirkung zwischen den messianischen Hoffnungen, die Hitlers Jünger auf ihn projizierten, und seinem Selbstbild als nationalem Heilsbringer – nirgendwo fand ich sie so klar gespiegelt wie in den Heß-Papieren.

Zu den bekannten, aber noch immer nicht wirklich ausgewerteten Quellen von NS-Größen gehört der riesige Nachlass des Architekten und späteren Rüstungsministers Albert Speer im Koblenzer Bundesarchiv. Anhand der Korrespondenz lässt sich übrigens auch rekonstruieren, wie stark der erste deutsche Hitler-Biograf der Nachkriegszeit, der Journalist und spätere FAZ-Mitherausgeber Joachim Fest, durch Speer beeinflusst wurde. Fest war Speer bei der Abfassung seiner 1969 erschienenen Erinnerungen zur Hand gegangen; umgekehrt versorgte Speer Fest für die Hitler-Biografie von 1973 mit Informationen. Speers Selbststilisierung zum unpolitischen Fachmann, der den Verführungskünsten des Diktators hilflos anheimgefallen sei, konnte so Eingang finden in die seriöse Hitler-Literatur.