Angela Merkel hat im September ein Stück deutscher Wertarbeit und Ingenieurskunst geliefert bekommen – klein, schwarz, das Format eines Smartphones, aber doch kein gewöhnliches, sondern ein neues "Merkel-Phone". Die Düsseldorfer Firma Secusmart hat dafür einen handelsüblichen Blackberry verändert und so sicher gemacht, dass die Kanzlerin beruhigt telefonieren und sich dabei unbelauscht fühlen kann.

Auf dem Telefon prangt ein Bundesadler, aber der ist nicht nur Schmuck, sondern steht dafür, dass die staatlichen Oberhacker und IT-Spezialisten vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) das Telefon sorgfältig geprüft haben. Es war ein hoheitlicher Akt, nun trägt das Telefon den Stempel: aus BSI-Sicht abhörsicher und damit auch NSA-abweisend.

Nicht alle Deutschen sind also den Lauschern des US-Geheimdienstes NSA ausgeliefert. Es kommt darauf an, wer man ist, ob man zur Elite in Politik und Wirtschaft gehört oder eben nicht. In Sachen Datensicherheit und Privatsphäre ist Deutschland eine Zweiklassengesellschaft.

Die ersten von 5600 neuen Merkel-Phones werden seit drei Wochen an Geheimnisträger in der Regierung und anderen Bundesbehörden ausgegeben und auch für die sichere E-Mail- und Datenübertragung aufgerüstet. Hinzu kommen sollen bald noch 4400 Stück mit einer ebenfalls vom BSI zugelassenen Lösung von T-Systems, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom.

Wer kein Nerd und Hacker ist, den kostet Sicherheit einige Hundert Euro

Im Prinzip könne sogar jeder "unbescholtene Bürger" das Telefon kaufen, sagt Secusmart-Gründer Hans-Christoph Quelle. Aber nur im Prinzip, es kostet rund 2500 Euro. Quelle bedauert das, aber solange die Stückzahlen klein seien, sei das Telefon nicht billiger zu machen, und abgesehen vom Staat hätten bisher nur große Unternehmen sein Telefon geordert, und diese wiederum nur für "den Vorstand und seinen engsten Kreis, dazu vielleicht noch einige ausgewählte Abteilungen". Zwar ändere sich das nun, die Nachfrage wachse seit den Snowden-Enthüllungen deutlich, sagt auch T-Systems, der zweite Anbieter des Merkel-Phone. Aber die Stückzahlen bleiben überschaubar. Auch ein vergleichbares Produkt, das Cryptophone der Berliner Firma GSMK, liegt bei 2500 Euro.

Umfassende Sicherheit bleibt also richtig teuer. Verlässliche Sicherheit für alle, die keine Nerds und Hacker sind, kostet immer noch mehrere Hundert Euro. Denn der Aufwand, den Anbieter wie Ethon aus Ulm und die US-Firma Silent Circle treiben, um ihre Software zu entwickeln, ist groß. Sie verschlüsseln Telefonate und Dateien bei der Übertragung, lassen aber die Geräte selbst unangetastet, bauen also keine Chips ein. Bei allen Produkten handelt es sich allerdings um Insel-Lösungen. Nur die Besitzer derselben Software können miteinander verschlüsselt telefonieren und Daten austauschen.

Daraus ergibt sich folgendes Bild: Technisch und praktisch gesehen, gibt es die quasi Unbelauschbaren und die Ausgelieferten. Die offiziellen Geheimnisträger und Konzernchefs auf der einen und die gemeinen Internetnutzer auf der anderen Seite.

Damit drohen aber gleich mehrere Grundrechte zu einem Privileg zu werden, weil die Technik über ihre Durchsetzbarkeit entscheidet: Es geht um die Unverletzlichkeit des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses in Zeiten des Internets. Ins digitale Zeitalter übersetzt, verlangen diese drei Grundrechte (Artikel 10), dass man SMS und Dateien verschicken kann, ohne fürchten zu müssen, ein anderer könne sie einfach kopieren und mitlesen. Jeder unbescholtene Bürger muss telefonieren können, ohne dass der Staat seine Gespräche im Rahmen von massenhaften Lauschaktionen mithört und speichert. Das gilt auch für Angaben darüber, wer mit wem wann gesprochen hat, für die sogenannten Verbindungsdaten.