DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, die Grünen sind im Bund noch hinter die Linke zurückgefallen. Wie konnte das passieren?

Winfried Kretschmann: Wir haben den Fehler gemacht, uns politisch zwischen SPD und Linken zu platzieren. Aber da ist gar kein Platz, da passen wir nicht hin. Da gibt es für uns gar keine Themen. Nehmen Sie den Mindestlohn, eine Kernforderung der SPD: Da gibt es eine radikale Variante der Linken, und uns bleibt dann nur, die gleiche Ansage wie die SPD zu machen. Was soll das? Die Grünen dürfen sich in Gerechtigkeitsfragen nicht auf die Umverteilungsfragen kaprizieren. Wenn wir von Gerechtigkeit reden, dann etwa von Generationengerechtigkeit und Chancengerechtigkeit als zentrale sozialpolitische Fragen für eine grüne Partei des sozial gesinnten Bürgertums – dann müssen von uns Überlegungen kommen, wie unsere Sozialsysteme angesichts der demografischen Entwicklung zukunftsfest gemacht werden können, anstatt einfach mehr vom Gleichen zu fordern.

ZEIT: Welche Rolle hat Ihrer Ansicht nach die Pädophilie-Debatte gespielt?

Kretschmann: Sie hat uns natürlich geschadet. Da hat uns eine nicht aufgearbeitete Vergangenheit eingeholt. Der moralische Zeigefinger, den wir gerne erheben, etwa gegenüber Verfehlungen der katholischen Kirche, hat zur Folge, dass eben drei Finger auf uns zurückzeigen. Das kann heilsam sein. Ich bin ein ganz großer Gegner des Moralisierens, sowohl in der Kirche wie auch in Parteien. Man muss damit einfach mal aufhören.

Sie haben auch die Sprache der grünen Funktionäre kritisiert.

Nehmen wir den Veggie-Day. Da wird eine Bevormundung auch noch mit einem Anglizismus ausgedrückt und zugleich infantilisiert. Mit so etwas geht man den Leuten auf die Nerven. Es ist eine große Errungenschaft der Moderne, dass Politik sich aus der persönlichen Lebensführung von Menschen herauszuhalten hat. Da sind große Humanitätsfortschritte erreicht worden, indem zum Beispiel das Tabu der Homosexualität gebrochen wurde. Mit Bevormundungen verletzen wir unser Selbstverständnis als moderne Partei.

ZEIT: Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert – viele Leute schreiben derzeit, dass der Idealismus der Grünen notwendigerweise in eine Erziehungsdiktatur führt. Sehen Sie das auch so?

Kretschmann: Nein. Politik der Grünen kann nur heißen, wir machen Politik mit einer aufmüpfigen und kritischen Zivilgesellschaft und nicht gegen sie, wir machen Politik etwa bei der Energiewende mit einem innovativen Mittelstand und nicht gegen solche wichtigen Gruppen. Das ist jetzt angesagt. Wir müssen den Menschen Angebote und Chancen unterbreiten, anstatt ihnen Angst zu machen und Vorbehalte zu schüren.

ZEIT: Wie ist es zum Linksruck der Grünen gekommen? Haben die Realos in den Ländern regiert und den Linken die Partei überlassen?

Kretschmann: Wir sind in Baden-Württemberg aus 30 Jahren Opposition nach 58 Jahren CDU in die Regierungsverantwortung, in die Führung des Landes gekommen. Das muss man erst mal hinkriegen! Das geht nicht nebenher. Wir konnten uns nicht stärker um andere Dinge kümmern, wie zum Beispiel die Politik der Bundespartei.

ZEIT: Die Parteilinke gibt Ihnen einen Teil der Schuld an dem Schlamassel: Durch Ihre Intervention vor dem Steuerparteitag hätten Sie die Kritik überhaupt erst angefacht.

Kretschmann: Sonst hätte es keiner mitbekommen? Ich habe schon auf dem Kieler Parteitag 2011 vor einer Steuerorgie gewarnt. Es ist nicht so, dass das nicht sehr früh angemahnt wurde, die Realos haben sich da durchaus eingebracht – aber eben nicht durchgesetzt.

ZEIT: Die Frontfrau der Realos war Katrin Göring-Eckardt, die in bürgerliche Milieus ausstrahlen sollte. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Muss sie nicht auch zurücktreten?

Kretschmann: Wir wollten sie alle, sie hat die Wahl zur Spitzenkandidatin mit großer Mehrheit gewonnen. Aber diese starke Profilierung in verteilungspolitischen Fragen hat die Überbetonung der Sozialpolitik, sicher von ihr ungewollt, verstärkt.

ZEIT: Sehen Sie derzeit irgendwelche Aussichten für ein schwarz-grünes Bündnis?

Kretschmann: Die Kanzlerin muss die Initiative ergreifen. Wenn sie mit uns reden will, werden wir ernsthaft Sondierungsgespräche führen. Aber ich halte Schwarz-Grün derzeit für höchst unwahrscheinlich. Wir haben die Wahl sehr deutlich verloren. Es wäre eine Sturzgeburt, wenn wir ausgerechnet in dieser Situation etwas so völlig Neues machen würden. Die Sozialdemokraten stehen zwar vor ähnlichen Problemen, aber eine Große Koalition mit der SPD kennt man schon. Sie findet übrigens eine große Mehrheit in der Bevölkerung. Das Gefährlichste an Großen Koalitionen ist, dass sie oft mit Verfassungsänderungen regieren, aber dagegen stehen wir ja im Bundesrat.

ZEIT: Müssten Sie nicht der Energiewende zuliebe Schwarz-Grün erreichen?

Kretschmann: Wenn ich an die Energiewende denke, wird mir in der Tat angst und bange vor einer Großen Koalition. Starke Kräfte in der Sozialdemokratie setzen auf Kohle. Die Union führt eine reine Preisdebatte. Da muss man schon fürchten, dass die Energiewende in den Sand gesetzt wird und man in die alten Spuren zurückkehrt, statt die riesigen – vor allem auch ökonomischen – Chancen zu sehen.