Im Jahr 1998 war ich fünfundzwanzig Jahre alt, meine Großeltern waren fast siebzig. Ich hatte das Gefühl, zu wenig von ihnen zu wissen, die Zeit nach dem Mauerfall erschien mir wie eine atemlose Abfolge von Monaten und Tagen, ein Dasein im Rausch. Ich war gereist, hatte studiert und gerade angefangen, als Reporterin beim Berliner Tagesspiegel zu arbeiten.

In jener Zeit telefonierte ich oft mit meinen Großeltern, meist mit meiner Großmutter. Wir hielten uns auf dem Laufenden über das Gegenwärtige. Was meine Großeltern tatsächlich bewegte, was ihr Leben ausmachte – über ihre Kämpfe der Vergangenheit, erfuhr ich wenig. Damals dachte ich, wenn ich einmal Kinder hätte, wüsste ich gern mehr über meine Herkunft, über unsere Familie, über die Konflikte. Über zehn Jahre hinweg trafen wir uns immer wieder, unterbrochen von langen Pausen. Als 2008 meine Tochter geboren wurde, brachen die Gespräche ab. Am 1. Dezember 2011 starb meine Großmutter. Ein halbes Jahr später redete ich noch einmal mit meinem Großvater allein.

Zu Beginn dachte ich nicht an eine Buchveröffentlichung, diese Idee entstand erst im Laufe der Jahre. Es war als Familienprojekt geplant. Später wurde mir klar, dass meine Fragen vermutlich viele Enkel an ihre Großeltern haben: Fragen an eine Generation, die den Krieg, die Flucht und zwei Diktaturen erlebt hat, an eine Generation, die es bald nicht mehr geben wird. Meine Fragen sind nicht objektiv und können es nicht sein. Ich frage als Enkelin, nicht als Journalistin.

Über die Jahre entsteht aus meinen Fragen ein Dialog der Generationen – auch wenn es auffällt, dass meine Großeltern weniger von mir wissen wollen als ich von ihnen. Ein bisschen liegt das in ihrem Verdacht begründet, meine Generation sei unpolitisch und somit nicht sehr interessant. Während sie sich ihr Leben lang politisch einmischten, mitmischten.

Woserin, 22. März 2008

Zu Ostern fahre ich in das Ferienhaus meiner Großeltern nach Mecklenburg, ein paar Freunde und die gesamte Familie sind dort versammelt. Es regnet fast die ganze Zeit, das große alte Pfarrhaus erwärmt sich nur langsam. In Wolldecken gehüllt sitzen wir an einem Nachmittag in der Küche meiner Großeltern an jenem langen Holztisch, der früher in ihrer Berliner Küche stand. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit, er erinnert mich an viele Essen, Feste und Gespräche. Im Januar habe ich erfahren, dass ich schwanger bin. Meine Großeltern freuen sich, das erste Urenkelkind. Die ursprüngliche Idee der Gespräche war, dass ich einmal meinem Kind etwas über unsere Familie erzählen könnte. Meine Großeltern sind nun fast achtzig Jahre alt, ich bin fünfunddreißig. Ich arbeite noch immer als Journalistin, inzwischen seit einigen Jahren für die ZEIT. Meine Großmutter hockt auf der Bank, mein Großvater verlässt, während wir reden, immer mal wieder den Raum.

Jana Simon: Ich bin jetzt 35. Ich führe ein völlig anderes Leben, als du es mit 35 geführt hast. Erscheint es dir vollkommen fremd, oder siehst du auch Parallelen?

Christa Wolf: 1964 war ich 35. Da war ich gerade Kandidatin des ZK geworden, fing an, in die ganzen Sachen verwickelt zu werden. Was hatte ich geschrieben? Eigentlich erst Der geteilte Himmel und Moskauer Novelle. Wahrscheinlich war ich viel naiver, als du es heute bist.

Jana Simon: Du warst vor allem politisch viel involvierter!

Christa Wolf: Das auf alle Fälle. In diesem Politischen war ich verhältnismäßig naiv und voller Hoffnung. Vieles wusste man damals auch noch nicht. Alles, was nach 1956, nach dem 20. Parteitag der KPdSU, kam, das war der arge Weg der Erkenntnis. Stück für Stück. Trotzdem blieben Gerd und ich politisch involviert. Man konnte gar nicht anders in dieser Generation nach diesem Krieg, nach diesem Nationalsozialismus. Wir fanden, es ging gar nicht anders, als politisch aktiv zu sein.

Jana Simon: Findet ihr meine Generation unpolitisch?

Christa Wolf: Von dir habe ich es eine Zeit lang gedacht. Das denke ich jetzt nicht mehr. Du bist vielleicht nicht im engeren Sinne politisch aktiv, aber gesellschaftlich engagiert und interessiert schon.

Jana Simon: Es ist sicher nicht mit euch vergleichbar, vor allem sind wir nicht parteipolitisch gebunden. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, mich mit einer Partei zu identifizieren. Das kann vielleicht die Generation, die zehn Jahre jünger ist als wir, schon wieder eher. Ein Thema, das mich gerade sehr umtreibt, ist die Folterdebatte: Wie weit kann man im Krieg gegen den Terror gehen? Meiner Meinung nach ist Folter eine Grenze, die einfach nicht überschritten werden darf. Besonders wenn man an Abu Ghraib oder Guantánamo denkt. Darüber möchte ich so schreiben, dass man merkt, dass ich dagegen bin. Bei anderen Themen bemühe ich mich eher um Ausgewogenheit. Ich bin keine Ideologin, alles Missionarische ist mir fremd. Weil ich die Wirklichkeit selten als so eindeutig erlebe. Es ist eben nicht mehr schwarz und weiß, bei fast allem gibt es ein Für und Wider. Und ich finde gerade die Zwischentöne, das Graue viel spannender.

Christa Wolf: Aber was immer man auch schreibt, und wenn es nur ein Interview mit einer Schauspielerin ist, es wird immer herauskommen, was man denkt.