Im Oktober 2011 marschierten kenianische Soldaten über die Grenze in das benachbarte Somalia ein. Was wie eine weitere Runde im ebenso unübersichtlichen wie endlosen somalischen Krieg aussah, war für Kenia ein historischer Einschnitt: Seit der Unabhängigkeit im Jahre 1963 hatte es noch nie Truppen ins Ausland geschickt, um zu kämpfen. Kenias Regierung ging ein hohes Risiko ein, denn seine Gegner waren die Al-Shabaab-Milizen, radikale Islamisten, die Teile Somalias unter ihre Kontrolle gebracht hatten und Angst und Schrecken verbreiteten. Al-Shabaab, das wussten die Kenianer, würde vor nichts zurückschrecken.

In diesen Tagen sind die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden: Al-Shabaab-Terroristen haben das luxuriöse Einkaufszentrum Westgate in Kenias Hauptstadt Nairobi gestürmt. Sie töteten 67 Menschen. Es dauerte fast vier Tage, bis die Sicherheitskräfte die Kontrolle über das Einkaufszentrum gewinnen konnten. Sie erschossen fünf der Angreifer und nahmen elf Verdächtige fest.

Im Blutbad von Westgate spiegelt sich eine beängstigende Tatsache wieder: der Aufstieg der Al-Shabaab zu einer schlagkräftigen, global vernetzten Terrororganisation. Dieser Aufstieg vollzieht sich auf der regionalen, der ostafrikanischen Bühne, aber seine Folgen reichen weit darüber hinaus. Al-Shabaab bekennt sich zu dem Anschlag auf Westgate und rechtfertigt ihn als Rache für Kenias "Feldzug" in Somalia aus dem Jahr 2011. Man werde das Nachbarland für seine Taten bestrafen. Auch die Kenianer sollten den Schmerz spüren, den "die Besatzer" in Somalia verursacht haben. Bis heute sind dort kenianische Soldaten stationiert.

Besatzung provoziert Gewalt und Terror, das kennen westliche Armeen von ihren Einsätzen in Afghanistan und im Irak nur zu gut. Je länger sie im Land blieben, desto mehr Anschläge gab es, desto größer wurde der Hass, desto erbitterter der Widerstand. Eine Terrorismus-Studie der Universität von Chicago kommt zu dem Schluss, dass "95 Prozent aller Selbstmordattentate seit dem Jahr 1980 eine Antwort auf ausländische Besatzer waren". Nicht die Religion macht demnach die Menschen zu Selbstmordattentätern, sondern der Einmarsch fremder Truppen lässt sie zu diesem Mittel greifen.

Sicher ist, dass die Kenianer in Somalia nicht gerade zimperlich aufgetreten sind. Dennoch sind sie nicht im ganzen Land verhasst. Einige somalische Clans haben die Intervention begrüßt, weil sie sich selbst von Al-Shabaab bedroht fühlten.

Ohnehin taugt die These vom Terror als Reaktion auf militärische Besatzung nur bedingt zur Erklärung des Angriffs in Nairobi. Es hatte in Kenia bereits davor eine ganze Reihe von Terroranschlägen gegeben. Die wachsende Gewalt und Unsicherheit an der Grenze zu Somalia war ein Grund dafür, dass sich die Regierung im Oktober 2011 zum militärischen Handeln entschloss.

Wenige Monate nach ihrem Einmarsch hatten die kenianischen Truppen den Kämpfern von Al-Shabaab die somalische Hafenstadt Kismaayo entrissen; sie war die letzte noch von den Extremisten kontrollierte Stadt. Kenias Soldaten waren auch Teil einer Interventionstruppe der Afrikanischen Union, die Al-Shabaab aus Mogadischu vertrieben hatte. Den Angriff auf Westgate könnte man also als ein Zeichen neuer Stärke nach der militärischen Niederlage interpretieren. Denn Al-Shabaab ist es inzwischen gelungen, über ihre Heimat Somalia hinaus zu expandieren.

Der jüngste Anschlag wäre ohne Unterstützung aus Kenia kaum möglich gewesen. Experten warnen schon seit Längerem, Al-Shabaab habe auch in Kenia Fuß gefasst. Schätzungen zufolge stammt jedes zehnte Al-Shabaab-Mitglied von dort. "Es waren kenianische Islamisten, die von sich aus engere Verbindungen zu Al-Shabaab in Somalia knüpften. Sie haben nach und nach auch mehr Einfluss auf die Propaganda der Organisation gewonnen." Das schreibt der norwegische Forscher Stig Jarle Hansen in seinem gerade erschienenen Buch über die Geschichte der Al-Shabaab.

Innerhalb der Organisation tobt seit Längerem ein Richtungskampf zwischen moderateren Gruppen, die den Kampf auf die "Befreiung Somalias" beschränken wollen, und jenen, die eine internationale Agenda verfolgen. Die einen wollen vor allem die fremden Soldaten aus dem Land vertreiben, die anderen träumen von einem islamischen Kalifat über Somalias Grenzen hinaus. Wo die Grenze zwischen beiden Strömungen verläuft, ist allerdings nicht immer klar.

Die kenianischen Extremisten sind offenbar mit dafür verantwortlich, dass sich das ideologische Zentrum von Al-Shabaab ins Ausland verlagert hat. Nach 2009 begann die Organisation, ihre Propaganda immer häufiger in Swahili zu formulieren, einer Sprache, die in weiten Teilen Schwarzafrikas geläufig ist. Gleichzeitig wandte Al-Shabaab sich an Kenias Muslime, die sie als "Unterdrückte" darstellt. Das rigorose Vorgehen kenianischer Sicherheitskräfte gegen Islamisten half, dieses Bild bei manchen Muslimen zu festigen. Kenia kennt traditionellerweise keine religiösen Konflikte, doch Al-Shabaab versuchte, einen Keil zwischen die Muslime und die anderen Glaubensgemeinschaften zu treiben.

Schließlich denunzierten die Extremisten die kenianische Politik als durch und durch korrupt, sich selbst stellten sie als reinigende, gerechte Kraft dar. Tatsächlich war Al-Shabaab in dem von zahlreichen Kriegsherren geplagten Somalia mit dem Versprechen einer schnellen, effizienten und gerechten Jurisdiktion zunächst einflussreich und mächtig geworden, so wie es den Taliban im vom Bürgerkrieg geschüttelten Afghanistan der neunziger Jahre gelungen war.

Als letzten Baustein ihrer bis ins Detail geplanten Propagandakampagne betteten die kenianischen Mitglieder der Al-Shabaab den "nationalen Befreiungskampf" in einen globalen Kontext ein: Demnach hat sich Kenia an die USA verkauft, um den amerikanischen "globalen Krieg gegen den Islam" auf Somalia auszudehnen. Das ist deckungsgleich mit der Argumentation von Al-Kaida. Tatsächlich ist Al-Shabaab vergangenes Jahr mit der Terrororganisation ein Bündnis eingegangen.

Die Internationalisierung Al-Shabaabs zeigt sich auf grausame Weise in der Zusammensetzung der Opfer von Westgate: Unter den Toten befinden sich Kenianer, Ghanaer, Südafrikaner, Amerikaner, Franzosen, Briten sowie Kanadier. Die Angreifer wollten offenbar nicht nur Kenia treffen, sondern zugleich die globalisierte Gesellschaft, die sich in Shoppingmalls wie Westgate trifft. Die Liste der Attentäter, die von Al-Shabaab im Internet veröffentlicht wurde, ist nicht weniger international: Sie kommen aus den USA, England, Somalia, Finnland und Kanada – die meisten von ihnen sind afrikanischer Herkunft.

Und dann gab es da noch eine Frau namens Samantha Lewthwaite, eine 29-jährige Konvertitin. Sie ist die Tochter eines britischen Soldaten und Ehefrau von einem der Attentäter, die am 7. Juli 2005 in London 52 Menschen töteten. Tagelang hielt sich das Gerücht, dass sie die Anführerin des Angriffes auf Westgate sei. Bestätigt werden konnte das bis Redaktionsschluss am Dienstagabend nicht, doch offenbar steht die Frau mit Al-Shabaab in Verbindung.

Umgekehrt führte von einem der Attentäter, die vor vier Monaten in London einen britischen Soldaten ermordeten, eine Spur zu Islamisten in Kenia. Ostafrika mag, von Europa aus gesehen, weit weg sein, aber der internationale Terrorismus überwindet inzwischen solche Distanzen.