Seit Sonntag sind alle Klarheiten beseitigt. Für das, was in den kommenden Tagen und Wochen geschehen wird, gibt es keine Blaupause und keinen Plan. In früheren Koalitionsverhandlungen mag unklar gewesen sein, was am Ende herauskommt. Diesmal ist schon unklar, wer überhaupt mit wem verhandeln wird. Gelten die alten Regeln noch, auch wenn sich die Grünen gerade auflösen, die FDP weg ist und die SPD sich sammeln muss? Ist der, den man gerade angerufen hat, morgen überhaupt noch da? Und verhandelt der, mit dem man sich gerade getroffen hat, womöglich parallel mit Dritten? Wer der Starke in diesem Spiel ist und wer in Wahrheit ganz schwach, das muss sich noch erweisen.

Es sieht nämlich so aus, als ob sich die große Wahlsiegern Angela Merkel sehr klein machen muss, um einen Koalitionspartner zu finden. Die SPD droht womöglich damit, doch noch Rot-Rot-Grün zu machen – oder sogar damit, die Kanzlerin mit ihrer großen Mehrheit in einer Minderheitsregierung allein zu lassen. Es kann aber auch sein, dass die Grünen in einer schwarz-grünen Regierung landen. Oder dass die CDU, wenn alle Verhandlungen lahmen, mit Neuwahl drohen wird – welche der Union die absolute Mehrheit bringen dürfte und SPD und Grünen die Bedeutungslosigkeit.

Deswegen muss man sich diese Koalitionsverhandlungen wie eine lange, anstrengende Partie Schach vorstellen – nur dass nicht zwei Spieler am Brett sitzen, sondern drei. Und auch das gab es noch nie in der Geschichte dieser Republik: Während in Berlin taktiert und verhandelt wird, gibt es eine ziemlich spektakuläre Nebenbühne. In Hessen laufen zur selben Zeit ebenfalls Verhandlungen – mit den gleichen Optionen, den gleichen Drohungen, den gleichen Bluffs.

Um im Bild des Schachspiels zu bleiben: Es werden zwei Partien parallel gespielt. Mit der entscheidenden Überdrehung, dass die Züge auf dem einen Brett direkte Folgen auf dem anderen haben.

Das fordert die Beteiligten und könnte den einen oder anderen überfordern. Man wird in den kommenden Wochen sehen, wer intelligent und ausgebufft genug dafür ist – und dabei einen inneren Kompass besitzt.

Worauf also kommt es bei diesen Koalitionsverhandlungen an?

1. Erst mal den Schub umkehren

Runterkommen, die Dinge sacken lassen, langsam wieder einen Zustand erreichen, in dem nicht die hochgetunte Auseinandersetzung des Wahlkampfs, sondern der Verstand darüber entscheidet, was zu tun ist: Darum geht es vor allem bei der SPD. Zu groß ist der Frust über das miese Wahlergebnis, zu tief sitzt die Furcht, in einer Koalition mit der CDU ganz ähnlich zerrieben zu werden wie 2009 oder wie gerade die FDP. Der Widerstand gegen eine Große Koalition reicht von der Basis bis hinauf in die innerste Parteiführung, hin zu Hannelore Kraft. Bis Freitag, bis zum kleinen Parteitag in Berlin, hat Parteichef Sigmar Gabriel den Genossen das emotionale Abklingbecken verordnet. Dann will er sich das Votum für Sondierungsgespräche mit der Union holen.

2. Pflöcke einschlagen

Wer gewonnen hat, darf am Wahlabend staatstragend dreinschauen. Wer verloren hat, muss zuallererst die eigene Haut retten. Vor vier Jahren verkündete der grandios unterlegene SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier so rasch nach seiner Pleite, er wolle Fraktionschef werden, dass die verdutzte Partei das ungefragt hinnehmen musste. Am Dienstag sicherte er sich den Fraktionsvorsitz schon wieder. Peer Steinbrück wiederum, der gescheiterte Kanzlerkandidat, will jetzt auf einmal doch bei den ersten Gesprächen mit der CDU dabei sein. SPD-Chef Sigmar Gabriel agiert nach der Methode: Machtzuwachs durch kalkulierten Machtverzicht – hätte er versucht, Steinmeier als Fraktionschef zu verhindern, wäre es ihm selbst an den Kragen gegangen.

Und bei den Grünen? Die nahmen sich erst mal selbst aus dem Spiel, bevor die Rücktrittsforderungen zu laut wurden. Jürgen Trittin versucht ein ganz besonderes Kunststück – er ist als Fraktionschef zurückgetreten, will aber selbstverständlich Verhandlungsführer in möglichen Sondierungsgesprächen sein. Bei der CDU fragt man sich: Wen soll die Kanzlerin eigentlich anrufen, wenn sie mit den Grünen verhandeln will?

3. Attrappen aufstellen

Horst Seehofer schließt eine Koalition mit den Grünen aus. Horst Seehofer schließt auch einen Koalitionsvertrag aus, in dem die Pkw-Maut nicht drinsteht. Horst Seehofer wird in den kommenden Wochen noch sehr viel ausschließen, und fast alles davon wird der CSU-Chef dann sehr still wieder zurücknehmen müssen. Denn so läuft es zu Beginn der Verhandlungen: Man erhebt seine Forderungen. Man treibt die Preise hoch. Und damit das gelingt, stellt man politische Attrappen auf.

Auch Peer Steinbrück ist in gewisser Weise jetzt so eine Attrappe: Denn wozu soll der Mann, der nicht mitregieren will, nun mit der Kanzlerin am Verhandlungstisch sitzen? Es könne ja nicht schaden, die Union etwas im Unklaren zu lassen, wer mit welcher Mission unterwegs sei, heißt es bei der SPD. Außerdem könne derjenige besonders hart verhandeln, der ganz sicher sei, nicht der Chefin von morgen gegenüberzusitzen.

Eine Attrappe kann auch ein Regierungsmodell sein, im konkreten Fall heißt sie "Minderheitsregierung". Die starke Kanzlerin soll’s allein machen und sich die fehlenden Stimmen von Fall zu Fall suchen, heißt es vor allem in der nordrhein-westfälischen SPD. Darauf wird sich Merkel kaum einlassen. Aber die SPD kann zumindest so tun, als sei eine Große Koalition nicht unausweichlich.

Und die CDU? Angela Merkel und Ursula von der Leyen sind die wichtigsten Köpfe der Partei, und beide sind in diesen Tagen ganz bei sich. Merkel und von der Leyen mussten immer ein bisschen so tun, als seien sie konservativ, und nun treffen sie auf Verhandlungspartner, mit denen es mehr Übereinstimmung als Trennungsgründe gibt. Nur sollte man das den eigenen Leuten so offen besser nicht zeigen. Deswegen wird auch die Kanzlerin noch die eine oder andere Attrappe aufstellen.

4. Schmerzen zeigen

Gerade die CDU müsse in den Verhandlungen einmal deutlich machen, welchen Kompromiss sie nur unter großen Schmerzen einzugehen bereit sei, sagt ein Präsidiumsmitglied von der Union. Es wäre ein doppeltes Signal, nach innen wie außen: Denn Schmerzen zu zeigen bedeutet immer auch, dass man gerade eine unglaublich wichtige Parteiposition räumen musste. Und da Merkels CDU als mittlerweile ziemlich positionslos gilt, wäre dies der simpelste Weg, alle Kritiker zu widerlegen. Selbst wenn es sich nur um Phantomschmerzen handelt. Von der Frauenquote etwa dürfte sich die Union rasch überzeugen lassen. Nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag ist allenfalls die kleine CSU noch dagegen.