Der Vormittag nach der Wahl. Wir treffen uns im Hotel in Herne, ihrem Wahlkreis im Ruhrgebiet, den sie als SPD-Direktkandidatin mit 48,6 Prozent gewonnen hat. Es gibt nicht so viele junge, frische Gesichter in der SPD: Michelle Müntefering, 32, auch "schöne Michelle" genannt, seit vier Jahren Ehefrau vom Franz, der bekanntlich viel älter ist (schöne vier Jahrzehnte älter). Sie trägt ihre Hornbrille mit den Weitsichtigen-Gläsern und eine Lederjacke und ist natürlich brutal gut aufgelegt: Bundestag! Wie viele Schnäpse waren es gestern? Da kommt gleich dieses ganz liebe Lächeln, das sie sich in den Lokalpolitik-Jahren angewöhnt haben muss: "Kein Schnaps." Depressionspartei SPD? "Nö, Depressionen haben wir nicht." Ist das ein blödes Gefühl, große Gewinnerin im Verliererverein SPD zu sein? Nein. Sie ist erleichtert, dass es für sie gut geklappt hat. Wir werden sie an der Lederjacke packen und schütteln müssen, damit ein druckbarer Satz aus ihr herausfällt.

Jetzt erzählt sie erst mal, dass ihr Mann Franz sie für brutal hält, weil sie das Frühstücksei immer mit dem Messer köpft. Schau an, das ist doch mal eine schöne Geschichte. Dann köpft sie lächelnd das Ei. Wir versuchen sie bei ihrer Anfängereuphorie zu kriegen, falls es da eine gibt. Gasgeben im Bundestag, wie geht das? Langsam. Sie wird sich, so das frisch gewählte Bundestagsmitglied, für die Bereiche Verbraucherschutz und Infrastruktur bewerben. Auf welche Kollegen im Bundestag freut sie sich? Sie nennt Eva Högl aus Mitte und Sören Bartol aus Marburg. War das eine Uridiotie der SPD, auf die Agenda 2010 nicht stolz zu sein? Sie gibt eine lange und die erwartbare Antwort. Will sie dieses Frühstück nicht dafür nutzen, etwas Unerhörtes zu sagen? Ein Vorschlag: Warum setzt sie sich nicht hin, zusammen mit dem Franz, und schreibt ihrer müden SPD ein komplett neues Programm? Wieder das abgeklärte, das nachsichtige Lächeln. Viel kluge Weitsicht hinter den Weitsichtigen-Brillengläsern von Frau Müntefering: "Wichtig ist, dass die Generationen innerhalb der SPD-Fraktion gut zusammenarbeiten."

Irgendjemand muss ihr gesagt haben, dass man als Politikerin seine Gesprächspartner am besten immer ganz intensiv anguckt: Das macht sie gut. Als Wähler aus Herne würde man ihr jetzt das Herz ausschütten. Kommt sie aus den so genannten einfachen Verhältnissen? "Ja klar. Aber ich kokettiere nicht damit." Ihr Vater hatte einen Rohrreinigungsbetrieb. Zu Hause standen exakt fünf Bücher im Regal (der ADAC-Campingführer, eine Chronik des Ruhrgebiets, ein Weltatlas, ein Fabelbuch, das Neue Testament). Wie heißt die amtliche Bierstube in Herne? Das ist die Schalke-Kneipe Schacht 6 in Wanne. Besteht ihre Aufgabe als Abgeordnete aus Herne vor allem darin, alte Menschen in den Arm zu nehmen? Das findet sie jetzt eine lustige Frage. Die Politik müsse mehr als trösten, konkrete Lösungsvorschläge machen. "Im Wahlkampf haben mich Wähler besucht, die sagten: Ich hätte gerne einen Kühlschrank. Da muss man auch mal das Jobcenter anrufen."

Und jetzt plötzlich, nach einer halben Stunde Frühstück, wirkt die Ernsthaftigkeit dieser jungen SPD-Abgeordneten. Eine Politikerin, die ihren Wählern Kühlschränke besorgt – daran ist schlicht nichts lustig und alles gut. War sie schon mal in New York? Ja, letztes Jahr, zu ihrem Geburtstag, mit dem Franz. Auf der Mitte der Brooklyn Bridge, mit Blick auf Manhattan, sei das Ehepaar Müntefering in Genossen aus dem Sauerland hineingelaufen. Ach, schön. Gemeine Frage zum Abschluss: Welcher ist ihr deutscher Lieblingsschlager? "Das hängt mir Jahre nach, wenn ich das jetzt beantworte." Stimmt. "Roland Kaiser ist doch super." Glückwunsch.