Vor vier Jahren verabschiedete sich Robert Wilson mit Andalusisches Requiem vom Schauplatz Sevilla und von seinem Kriminalisten Javier Falcón. Falcón war ein düsterer, grüblerischer Mann, den seine Ermittlungsfälle immer tiefer in die eigene schuldverstrickte Familiengeschichte trieben wie in einen Trichter. Das Eingeständnis von Schuld kann befreiend sein, aber auch lähmend. Wie man ernsthaft zu seiner Verantwortung stehen kann, ohne von ihr erdrückt zu werden, ist Wilsons zentrales Thema.

Einer, der ebenfalls auf dem Grat zwischen Wissen, Eingestehen und Verdrängen balanciert, ist der indische Milliardär Francisco D’Cruz in Stirb für mich, Wilsons neuem Roman. Die City of London hofiert den früheren Bollywood-Schauspieler und jetzigen Großinvestor. Als dessen Tochter Alyshia entführt wird, tanzen von der Innenministerin abwärts alle Sicherheitsbehörden nach seiner Melodie. Sie halten still und lassen den privaten Kidnapping-Consultant Boxer erst einmal arbeiten, ohne sich einzumischen. Boxer, Charles Boxer, ist der international sprechende Name von Wilsons neuem Serienhelden. Im Unterschied zu Falcón ist der britische Ex-Mordermittler ein Tatmensch, und Stirb für mich funktioniert entsprechend als Thriller, offen bis zum Schluss: Wer überlebt das alles? Wilson hat die Methode geändert, die moralischen Konflikte jedoch sind die alten geblieben.

Alyshias Entführer agieren atypisch. Nur mit der seit Jahren von D’Cruz getrennt lebenden Mutter der Geisel wollen sie verhandeln. Noch irritierender: Sie verlangen weder Geld noch Leistungen. D’Cruz soll einfach nur in sich gehen, soll selbst herausfinden, was die Entführer wollen. Ähnlich wird die entführte Alyshia in langen quasitherapeutischen Sitzungen gezwungen, sich einzugestehen, dass ihr bisheriges Leben oberflächlich und auf Selbsttäuschung aufgebaut war. Wird die keineswegs verwöhnte, selbstkritische junge Frau unter dem puritanischen Terror zerbrechen oder wachsen? Ein Spannungsstrang, der allein für ein großartiges Buch gereicht hätte.

Doch Wilson, inspiriert von der Metropole London, will es globaler. Die obskure Nicht-Forderung der Entführer, D’Cruz solle in sich gehen, und die Psychofolter Alyshias erinnern an den Täter in Wilsons Falcón-Roman Der Blinde von Sevilla . Darin schnitt der Mörder seinen Opfern die Augenlider ab, um sie, konfrontiert mit den Bildern ihrer Untaten, in den Wahnsinn zu treiben. In Stirb für mich verbietet das vorgegebene Thrillertempo die Introspektion. Wenn D’Cruz nicht handelt, geht er unter. Die Tochter soll befreit werden, ohne dass seine Vergangenheit als Schmuggler und Agent offenbar wird, die diverse Geheimdienste, Konkurrenten und Gangster brennend interessiert. Ein Attentat auf die Olympischen Spiele droht auch noch. Währenddessen kochen die in Crime-Operas dieser Größenordnung niemals fehlenden Kleinkriminellen ihr eigenes Süppchen und werfen alle ausgetüftelten Rache- und Befreiungspläne durcheinander. Keine Zeit für Aufklärung. London als dauerexplodierendes Weltzentrum, in dem alles privat und alles global ist – Wilson strickt an einem vielversprechenden Faden, auch wenn er die eine oder andere Masche überdehnt.