Tschack! Allgemeines Zusammenzucken. Tschack! Irgendjemand aus der Menge murmelt: "Hilfe". Da, schon wieder: ein schneidendes Tschack! Jetzt bildet sich im Gedränge der Kunstmesse Art Berlin Contemporary (ABC) rasant eine Schneise, durch die eine Frau heranschreitet, in den Händen zwei gefährlich lange Peitschen, die sie durch die Luft wirbeln und dann so laut schnalzen lässt, dass allein schon das Geräusch wehtut. Auch so kann man sich also einen Weg durch das Gewühl des Berliner Kunstbetriebs bahnen.

Und das Gewühl war groß gewesen, vergangene Woche. Am Dienstag hatte die von der Stadt organisierte Berlin Art Week mit einem Straßenfest auf der Auguststraße begonnen, es herrschte eine Stimmung wie auf dem Münchner Oktoberfest. Die Auguststraße ist bekanntlich einer jener Gründungsorte des Kunstwunders im Nachwende-Berlin, jetzt war die Straße mit Bühnen und Bratwurstständen zugestellt. Tausende von meist jungen Künstlern, Galeristen, Kuratoren und ganz einfach Kunstbegeisterten füllten die Straße und bildeten lange Schlangen vor den Ausstellungen mit Werken etwa von Thomas Schütte, die der Privatsammler Thomas Olbricht in seinem Me Collectors Room zeigte.

Am Tag darauf verteilte sich die kunstinteressierte Masse dann in die ganze Stadt, sortierte sich wieder in ihre eingeübten Subnetzwerke und Parallelgesellschaften. In der Galerie Johnen, international erfolgreich, wurde eine Ausstellung mit den handwerklich fein gearbeiteten Gemälden des Chinesen Liu Ye eröffnet. Liu Ye, Jahrgang 1964, hat an der Hochschule der Künste in Berlin und an der Rijksakademie in Amsterdam studiert, lebt heute in Peking und verewigt mit altmeisterlicher Akribie moderne Sujets: Da trifft auf einer kleinen Leinwand die feine Reproduktion eines geometrisch-strengen Piet-Mondrian-Gemäldes auf den weichen, grauen Comic-Hasen Miffy, der Farbpalette und Pinsel in seinen Pfoten hält. Eine andere Leinwand ist fast komplett mit dem auf dem Kopf stehenden Abbild eines Bauhaus-Buchs ausgefüllt: Die rote Aufschlagseite, das Weiß der restlichen Buchseiten, ein gelber Streifen des Schutzumschlags ergeben schon selbst wieder eine Bauhaus- oder De-Stijl-Komposition. Je nach Größe kosten die Gemälde von Liu Ye 100 000 bis eine Million Dollar, und sie sind so begehrt, dass einige asiatische Sammler extra für diese Ausstellung nach Berlin geflogen waren.

Ein Rebell, der eine Videokamera am Leib trägt

Auch für die Vernissage der vom Künstler Tjorg Douglas Beer mitorganisierten Utopia-Galerie waren Menschen aus dem Ausland angereist, doch handelte es sich bei ihnen nicht um reiche Sammler, sondern um Künstler wie etwa Emeric Lhuisset aus Paris. Lhuisset zeigte im temporär eingerichteten Ausstellungsraum einen Videofilm, den er im August 2012 in Syrien gedreht hatte. Über die Türkei war er heimlich in das Bürgerkriegsland eingereist und hatte dann Rebellen der Freien Syrischen Armee kennengelernt. Um der spektakelhaften Nachrichtenbilderwelt mit ihren grausamen Kriegshöhepunkten etwas entgegenzusetzen, schnallte Lhuisset einem Rebellen für 24 Stunden eine kleine Videokamera vor den Leib. Der daraus entstandene Film ist eine Dokumentation des so trostlosen wie langweiligen Alltags im Bürgerkrieg zwischen Aleppo und Idlib – und entfaltet einen ganz eigenen Horror.

Die Graswurzelinitiativen und die Galerien mit den Millionen-Euro-Kunstwerke trafen sich dann von Donnerstag an wieder auf der Art Berlin Contemporary, die keine traditionelle Kunstmesse sein will, sondern ein auf die Kunstwerke konzentriertes Festival. Da hier in den vergangenen Jahren eher wenig Kunst in der Preisliga von Liu Ye verkauft wurde, das Motto der ABC nach Meinung einiger Teilnehmer also ebenso gut "Art But Cheap" heißen könnte, präsentierten die meisten Galerien auch dieses Jahr viele Experimente. Die in Zürich, London und New York beheimatete Galerie Hauser & Wirth zeigte eine Zusammenarbeit der Künstler Anri Sala und Andy Hope 1930 mit Aino Laberenz, der Witwe von Christoph Schlingensief: eine Soundinstallation und eine antennenförmige Skulptur, mit der man Bilder und Ton aus dem Operndorf in Burkina Faso empfangen sollte.

Die Galerie Crone plant derweil mit dem als Designer bekannt gewordenen Jerszy Seymour ein weltumspannendes Kunstunternehmen namens New Dirty Enterprises, das immerhin schon einen Schreibtisch, ein paar farbig angemalte Stahlrohre und mit frisch gebackenen Pizzas gefüllte Kartons im Angebot hat. Dazwischen waren in den großen Hallen des ehemaligen Postbahnhofs am Gleisdreieck allerlei Performances wie die jener peitschenschwingenden Frau Cleopatra zu sehen. Auf einer Kunstbuchmesse tummelten sich exakt hundert Verlage, und in einem noch etwas lieblos gestalteten Nebenraum präsentierte Kirsa Geiser 32 Editionen: Kunst von John Bock, Tony Oursler und Olaf Metzel etwa. Die Arbeit von Metzel aus Stahl und Aluminium (Auflage: sechs) kostet 11.900 Euro, der Farbdruck von Oursler (Auflage: 100) nur 290 Euro. Oursler und Metzel waren auf der Messe auch mit großen Arbeiten vertreten: Die Galerie Avlskarl konnte Ourslers Glare (2013) schon in den ersten Stunden der ABC für 62.000 Euro verkaufen. Die Galerie Wentrup hatte eine gewaltige Installation von Olaf Metzel aus demolierten Teilen einer Sporthalleneinrichtung (Auf Wiedersehen, 1996) aufgebaut. Das Monument war schon im Münchner Lenbachhaus zu sehen, jetzt soll es 220.000 Euro kosten.

Bei einem solchen für diese Veranstaltung doch recht stolzen Preis, für den sich an den ersten beiden Tagen der ABC noch kein Käufer fand, stellte sich auch wieder die Frage, wie die Berliner Galerien in Zukunft erfolgreich bleiben oder werden wollen: mit kleinen Kunsträumen, oder aber indem sie auf global einflussreichen, teuren Messen den Konkurrenzkampf um Künstler und Sammler mit den Galerien aus New York, London und Paris aufnehmen? Im Sommer hatte Martin Klosterfelde mit der Schließung seiner viel gerühmten Galerie eine Debatte über die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der Berliner Galerien ausgelöst (ZEIT Nr. 36/13). Nun zeigten sich auf der ABC viele Galeristen enttäuscht von der Nachricht, dass Klosterfelde als Direktor in das zur russischen Mercury Group gehörende Auktionshaus Phillips wechseln will. Die auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Auktionshäuser wie Phillips genießen nicht unbedingt einen guten Ruf bei Galeristen, können sie doch von spekulativen Kunstverkäufen profitieren, ohne dabei Geld und Mühe in die Arbeit mit Künstlern stecken zu müssen.

Wartet in der Tiefe der Pfütze ein Wunder?

Dass diese Kosten und Mühen auch von den nachwachsenden Generationen trotzdem nicht gescheut werden, bewiesen auf der ABC gleich mehrere junge Galerien aus Berlin. Kraupa Tuskany Zeidler etwa präsentierte Skulpturen von Daniel Keller, 1986 in Detroit geboren, die sich mit dem neoliberalen Wirtschaften im Allgemeinen und dem Wandel der Warenformen im Besonderen beschäftigen. Und Thomas Fischer zeigte in seiner parallel zur ABC eröffneten Galerie-Ausstellung eine Video-Installation von Sebastian Stumpf, Jahrgang 1980, in der der Künstler mit vollem Körpereinsatz unseren Blick auf den öffentlichen Raum verfremdet. So legt sich Stumpf etwa mit dem Gesicht nach unten in Pfützen und verharrt dort so ruhig, als würde er unter dem Wasser ein Wunder bestaunen. Vielleicht ist es der Ausblick in eine strahlende Zukunft.