Kürzlich saß ich mit dem pakistanischen Autor Mohsin Hamid in einem Restaurant in Berlin, wir tranken Sake und aßen Ceviche. Plötzlich sagte Hamid: "Warum gibt es außer Daniel Kehlmann keine deutschsprachigen Autoren, die in der ganzen Welt gelesen werden?" Hamid ist Pakistaner, aber er schreibt auf Englisch. Ich stöhnte innerlich auf wie über ein verwöhntes Kind, das sich seiner Privilegien nicht bewusst ist. Die globalisierte Literaturwelt, sagte ich, sei natürlich anglophon, und deshalb sei Martin Amis ein internationaler Star, Ingo Schulze aber nicht. Hamid überzeugte das nicht. Es gebe doch viele Beispiele nicht englischsprachiger Autoren, die auf der ganzen Welt ein Begriff seien: "Wer ist euer Houellebecq, euer Pamuk, euer Murakami, euer Bolaño?" Bolaño sei tot, rettete ich mich aus der Bedrängnis, und außerdem sei Günter Grass berühmt von Kolkata bis Stockholm.

Jetzt lächelte Hamid etwas gönnerhaft. Ob ich Grass im Ernst für einen großen Schriftsteller halte? Grass verdanke seinen Ruhm dem Umstand, dass die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg neugierig gewesen sei, zu erfahren, wie ein deutscher Schriftsteller mit der deutschen Schuld umgehe. Stilistisch sei das völlig unerheblich. Der letzte deutschsprachige Schriftsteller, der die Welt künstlerisch beeindruckt habe, sei Thomas Bernhard gewesen. "Sag mir, welche deutschen Schriftsteller ich lesen muss!"

Jetzt wurde es mir ungemütlich. Natürlich gibt es deutschsprachige Autoren, die ich für großartige Schriftsteller halte. Handke, Rainald Goetz, Botho Strauß. Aber irgendwie kommt einem die Vorstellung, dass man einem weltneugierigen Pakistaner Botho Strauß ans Herz legt, schief vor. Auch Rainald Goetz ist ein großer Autor, aber warum sollte man in Lahore ausgerechnet loslabern lesen?

Hamid setzte nach: "Deutschland ist ein Land mit einer starken literarischen Tradition, ein Land mit Macht und Einfluss, für dessen Selbstdefinition Kultur eine herausragende Rolle spielt, aber ich kenne außer Kehlmann keinen deutschen Schriftsteller, der international eine Rolle spielt."

Mohsin Hamid ist ein echter Kosmopolit. Er hat in Harvard und Princeton studiert, in New York als Unternehmensberater gearbeitet, bevor er nach Lahore zurückgekehrt ist. Er wurde berühmt mit seinem Roman Der Fundamentalist, der keiner sein wollte. Sein neuester Roman So wirst du stinkreich im boomenden Asien ist ein internationaler Erfolg. Hamid gehört zu jenen globalisierungsfähigen Autoren, die die Weltgegenwart erzählerisch auf den Punkt bringen. Auch wo sie von ihrer Heimat erzählen, ist ihre Geschichte eingewoben in einen weltpolitischen Diskurs, dessen Zeitgenossen wir alle sind.

Die Welt rückt zusammen, auch in der Literatur. Trotzdem ist eine gewisse Globalisierungsresistenz eine poetische Stärke. Handke, Strauß und Goetz sind Autoren, die aus der Sprache leben. Deshalb sind sie sehr deutsche Schriftsteller. Dass der Schweizer Peter Stamm mit seinen melancholischen Krisen des bürgerlichen Mittelstands gerade in England und den USA gefeiert wird, ist wunderbar. Aber wir sollten unsere Störrischkeit nicht ganz für den internationalen Erfolg opfern.