Man möchte Marion Poschmann eine Lyrikerin nennen. Marion Poschmann, Trägerin des Peter-Huchel-Preises, hat drei hochgelobte Bände Lyrik veröffentlicht, aber immerhin seit 2002 auch drei Romane, zuletzt Sonnenposition, nominiert für den Deutschen Buchpreis. Und doch denkt man an sie vor allem als eine, die auf berückende Weise mit Sprache umgeht, dieses rätselhafte Wortmaterial verdichtet, es zum Klingen bringt, es zu etwas immer Neuem macht.

Sonnenposition ist also ein lyrischer Roman. Aber – wie auch schon der Schwarzweißroman (2005) – einer, der ganz im Diesseits verwurzelt ist und Fragen aufwirft, die uns die Zeitläufte stellen, nach dem etwa, was die deutsche Vergangenheit an Ablagerungen in der Seele hinterlassen hat, Fragen auch, die das Leben an jeden immer und überall stellt, wie es denn zu leben sei, in diesem Deutschland, in einem Europa, das sein Selbstvertrauen verloren hat. Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, in Berlin lebend, ist eine der großen Begabten ihrer Generation, die vor gewagten Konstruktionen nicht zurückschreckt und ihre Leser mitreißt in absonderliche Welten, sei es, wie im Schwarzweißroman, bis in den Ural, oder bis in die Abgründe in uns .

Zwei Orte diesmal, zwischen denen sich die Handlung spannt. Einmal ein bröckelndes Schloss im Osten Deutschlands, Kaufpreis nach der Wende: 1 DM. Und ein Städtchen im Westen, am Rhein, die ehemalige, abgewickelte Bundeshauptstadt. Das Buch spielt in diesem politisch und historisch aufgeladenen Raum und erkundet ihn in großem Detail. Eindringliche Landschaftsbeschreibungen, Naturschilderungen. Häuser werden in Gärten gebettet, Zimmer werden ausgestaltet mit brummenden Kühlschränken, Esstischen, schmalen Betten, Raum wird erschlossen in den Bewegungen der Menschen, die ihn mit ihren Schritten vermessen. Konkrete Orte also. Und doch sind sie auch Nicht-Orte, die wirken, als wären sie zu den Rändern hin undicht, es sind nicht beheimatende Orte, es ist, als öffne sich unter ihnen ein Abgrund, es ist, als wäre die Wirklichkeit ein Raster, wie jene Metallgitter, wie sie über Kellerschächten oder U-Bahntunneln liegen, darunter drohendes Dunkel.

Das ehemals prächtige Barockschloss ist ein Ort, gedemütigt durch Zweckentfremdung. Frühere Nutzung durch Einlagerung von Material, auch mal von Zwangsarbeitern. Nun ist das Schloss eine Heilanstalt, dort arbeitet ein Psychiater aus dem Westen, Altfried, zugereist aus dem Rheinland. Dort hat er als Kind eine Freundschaft mit einem Jungen geschlossen, mit Odilo, der später Biologe wurde, einer, der im Labor mit Mäusen experimentiert und dem in diesem Roman die zweite Hauptrolle zufällt. Altfried und Odilo sind Freunde und Antipoden zugleich. Als der Roman einsetzt, ist Odilo gerade tödlich verunglückt, er hat sich zu Tode gefahren und Altfried kommt es zu, seine und Odilos Geschichte aufzuschreiben, es ist die Suche nach einer Freundschaft, die tatsächlich nie wirklich stattgefunden hat. Da ist ein Hauch von Kafka.

Beide Figuren ziehen nicht wirklich Sympathie auf sich. Von Odilo heißt es, er sei verklemmt, ein Einzelkind und Muttersöhnchen. Er wirkt wie eine Figur, die nie in der Gegenwart ankommen kann. Von ihm bleibt, als er sich bei einem letzten gemeinsamen Spaziergang mit Altfried in ein Dickicht schlägt und in dessen Dunkel verschwindet, als letzter Eindruck ein Kopf gegen die untergehende Sonne. Ein Haupt gerahmt im Strahlenkranz – Sol Invictus, der unbesiegbare römische Sonnengott, im Moment der Kapitulation. Altfried beschreibt sich selber als dicklichen, in seinen Unsicherheiten irrlichternden Mann. Es ist ganz schön verwegen, mit diesen beiden Typen eine Handlung zu weben, daraus eine fesselnde Erzählung herzustellen, dieses Wunder gelingt Poschmann.

Die Handlung zuckt, auf der Linie zwischen Ost und West, hin und her, in einer Art von Suchbewegung durch die Biografien der beiden Helden. Altfried, ausgesetzt an seinem bröselnden Ost-Arbeitsplatz, verstört durch den Tod von Odilo, verfolgt ihrer beider Geschichte zurück, bis in die Kindheit hinter den Weißklinkerfassaden, die Studienzeit in Bonn; die Erzählung webt sich durch die immer unbefriedigend bleibenden Begegnungen der beiden. Es sind Studien in Einsamkeit. "Unser altes Leben in Europa ist verschwunden", heißt es, was also könnte eine neue Heimat sein? "Ich, sage ich zu Odilo, erarbeite mir eine neue Landschaft, eine Landschaft, von Leere durchsickert, von den vorhergehenden Generationen auf uns gekommen, eine Landschaft, die sich genau hier, in der Anstalt, verdichtet."

In der psychiatrischen Anstalt fällt Altfrieds Blick auf verheerende Seelenzustände. Wendeopfer, heißt es, deren Gemütsschäden hier ausgeleuchtet werden. Es gibt in diesem Schloss geradezu ein Zuviel an Licht. Das alte Gemäuer ist dekoriert mit Sonnengestirn, gemalten, geschnitzten, schon abgegriffenen, zerfallenden Sonnen, wie ein böses Omen hängen diese bröselnden Sonnen über dem Leiden der Insassen. Kein gutes Omen. "Heilen – wovon?" heißt es einmal – "Vom Aufgang und Untergang der Sonne, vom Lichte, das morgens durch die östlichen Fenster auf die Tische fällt, seine unausweichliche Runde macht ..." Ironischerweise gehört es aber zur Anmaßung der medizinischen Profession, "von der Sonnenwarte aus" auf diese Menschen zu blicken, als "allsehendes Auge des Arztes", in der Hoffnung, in dieser Sonnenposition den Patienten eine Orientierung zu geben. Der Arzt als Gott also, neben dem die Geschichten der Patienten dagegen wie Märtyrerlegenden erscheinen. Aber tatsächlich erweist sich auch der Arzt als einer, dem die Welt abhandenkommt.

Für Altfried, der in seinem Ost-Exil sich selbst entrückt ist und den der Tod Odilos tief verstört, gerät alles ins Rutschen. Während er seine und Odilos Geschichte nachsinnt, erweitert sich die Beziehung der beiden Männer zu einem Dreieck, als klar wird, dass Altfrieds Schwester Mila mit Odilo verbunden war. Für Altfried ein Schock, für die Leser ein Glücksfall, weil sich die Autorin so Gelegenheit schafft, die Begegnung liebender Körper mit überraschend krasser Detailfreude zu beschreiben. Für Altfried aber gerät seine Erzählung endgültig zu dem endlosen Monolog eines Menschen, der vor sich selber auf der Couch liegt und dem niemand zuhört, abgesehen von ihm selbst.

"Etwas in mir begann in meinem Inneren Tapeten abzureißen, als sei ich ein leerer Raum, mit den hochmodischen Mustern der Vergangenheit beklebt", heißt es an einer Stelle: "Ich riss wütend die Schichten ab, als bildete ich mir ein, neu anfangen zu können."

Die Seele als Bruchbude also.Das Ganze hat auch komische Aspekte. Spielerisch fächert Poschmann etwa eine Kindheit an Hand von Tapetenmustern auf, es treten auf: die Korktapete, die japanische Grastapete, das Ordnungsmuster der Streifen im Kinderzimmer. Das ist beklemmend, aber auch sehr lustig und hätte Oscar Wilde erheitert, der seinerseits, sterbend, auf die Tapete neben seinem Bett zeigte und den Freunden zuflüsterte: "Es ist die Tapete. Einer von uns musste weg!"

Poschmanns poetische Verfahren sind komplex. Sie lockt mit dem Sound der Pharmaindustrie – Lorazepam, Amitriptylin, Diazepam, Amphetamin – in eine psychische Leere, die nur mit Drogen erträglich erscheint. Den Anstaltsalltag beschreibt sie in unerträglicher Präzision, bis hin zum Schälen einer Orange, der Konsistenz des Puddings, der Vorratslagerung von Kartoffelmehl, Erbsmehl, den Kisten mit Aufbackbrötchen. Es finden sich herrliche Wortschöpfungen wie "Pyramidenschweigsamkeit", Naturbeobachtungen, die Seelenbilder sind wie "Wolkenfetzen von widerlicher Unentschlossenheit". Ein Buch, das zum Verweilen bei Formulierungen, Wortbezügen, Bildern einlädt, vor allem natürlich zum Sinnieren über das zentrale Motiv, das Licht.

Das Licht verliert selten seine Bedrohlichkeit. Man hat die Gelegenheit, schmerzlichen Tests an einer Labormaus beizuwohnen, die Odilo in eine Dunkelkammer legt und mittels Injektion zum Strahlen bringt. Licht durchgleißt den Raum dieses Romans, als Halogenröhre in der Küche, als lockende Lichthaube über einer Tankstelle, Licht findet zuletzt , im Flackern des Polarlichts, ein beinahe tröstliches, abschließendes Bild– "ein unberechenbares Fluoreszenzphänomen, ausgesandt von unsichtbarem Ort, ein Licht, das richtungslos, ziellos durchs All strebt, wie wir", so heißt es auf den letzten Seiten dieses Buches, das man nicht schließen möchte.