Wenn Junayd Mahmood gefragt wird, was typisch Deutsch ist, muss er nicht lange überlegen: Pünktlichkeit, Kultiviertheit – und die öffentlichen Verkehrsmittel. Seit Anfang des Jahres lebt der gebürtige New Yorker in Berlin, von seiner Wohnung bis zur Hochschule, an der er studiert, sind es nur wenige U-Bahn-Stationen. Bei gutem Wetter fährt er mit dem Rad zur European School of Management and Technology (ESMT). Von Weitem sieht er dann schon den imposanten Bau; die ESMT ist im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR untergebracht.

An diesem Tag sitzt Junayd Mahmood im alten Arbeitszimmer von Erich Honecker unter gläsernen Lampenkugeln und trinkt einen Milchkaffee. Mahmood trägt Jeans und ein weißes Hemd, er hat ein strahlendes Lächeln; mit 26 Jahren ist er der Jüngste in seiner Studienklasse, doch sein Lebenslauf liest sich bereits wie der eines 40-jährigen Überfliegers: Studiert hat er am Grinell College in Iowa, wo auch Robert Noyce, Mitbegründer von Intel, war, und in Kairo. Mahmood war Assistent der demokratischen Senatorin Kirsten E. Gillibrand in Washington, Entwicklungsleiter eines Start-ups, das Fußballplätze in sozial benachteiligten Regionen in Guatemala und Brasilien baut. Und jetzt macht er einen Master of Business Administration (MBA) in Berlin.

Die Studenten kommen, weil das Leben günstig und die Wirtschaft stark ist

Dass ein Amerikaner seinen MBA in Deutschland macht, ist ungewöhnlich. Meistens ist es umgekehrt: Deutsche gehen mehrheitlich zum Business-Studium in die USA. Doch der Markt verändert sich: Im vergangenen Jahr erhielten deutsche Hochschulen fast 6.000 Bewerbungen um einen Platz in einem MBA-Studium ein. Vier Jahre zuvor waren es noch weniger als 2.000. 1994 gab es hierzulande gerade mal 35 MBA-Programme, inzwischen sind es mehr als 400. Deutschland ist mittlerweile eines der weltweit zehn beliebtesten Länder für ein MBA-Studium.

Auch Junayd Mahmood wollte unbedingt hier studieren. Zunächst einmal wegen der Kosten. Der Abschluss ist in Deutschland viel günstiger zu haben als in den USA. An einer amerikanischen Business School dauert das Studium in der Regel zwei Jahre, jedes Jahr kostet rund 50.000 Dollar, plus Miete und Lebenshaltungskosten. "Um die Gebühren später zurückzahlen zu können, muss man in eine große Consulting-Firma oder an die Wall Street gehen", sagt Mahmood. Das wollte er nicht. "Ich empfinde es als Vorteil, dass ich mich nun nicht aus finanziellen Gründen auf eine bestimmte Branche beschränken muss". An der ESMT kostet der einjährige MBA 29.000 Euro. Noch dazu sind die Mieten in Berlin ein Schnäppchen, wenn man aus New York kommt.

Junayd Mahmood ist nicht nur nach Berlin gekommen, um billig wohnen und studieren zu können – er schätzt auch die Start-up-Atmosphäre in der Stadt. In Berlin wird alle zwanzig Stunden ein neues Internetunternehmen gegründet. Auch Mahmood hat parallel zum MBA eines gegründet, irgendwas mit Urlaub und Freunden, mehr will er noch nicht verraten, Ende des Jahres soll es online gehen. "Hier findet man die gleiche Offenheit und Unbefangenheit wie im Silicon Valley", sagt er. Mit seinem silbernen MacBook sitzt er allerdings nicht in den Cafés am Rosenthaler Platz, dort wo sich die digitale Avantgarde trifft und wo er selbst wohnt. Mahmood geht in einen der study rooms an der ESMT, ein Studierzimmer, das er sich mit ein paar anderen Kommilitonen teilt. An der Wand hinter seinem Arbeitsplatz hat er Zeitungsartikel über MBA-Absolventen aufgehängt, die Start-ups gegründet haben. Daneben im Schrank hängt ein Jackett, für alle Fälle.

Die deutsche Wirtschaft boomt, und Fachkräfte, auch aus dem Ausland, sind sehr gesucht. Das macht den Standort attraktiv für Studenten, die hier ihren MBA machen wollen, um sich damit anschließend bei einem deutschen Unternehmen zu bewerben. "Leute wie ich werden hier gebraucht, das spürt man", sagt Mahmood. Für den aktuellen Vollzeit-MBA-Jahrgang, in dem er ist, gab es 300 Bewerbungen.

"Durch die augenblickliche Stärke der deutschen Wirtschaft haben viele unserer Studierenden großes Interesse daran, das deutsche Modell zu verstehen und zu lernen, wieso es so erfolgreich ist", sagt Jörg Rocholl, Präsident der ESMT. Und: Viele der Absolventen bleiben anschließend im Land. Von den Studenten aus Asien arbeiten nach dem Abschluss rund 80 Prozent in deutschen Unternehmen, von den Studenten aus Nordamerika gut ein Fünftel.

Auch Junayd Mahmood könnte sich vorstellen, noch eine Weile in der Stadt zu bleiben – es sei denn, es ruft doch noch jemand aus dem Silicon Valley an.