Natürlich gibt es immer wieder auch echtes Interesse in der Talkshow. Wenn der Politiker Politik vorführt, ist die Moderatorin ja auch seine taktvolle Betreuerin. Dann wiederum muss sie streng sein, indem sie jenes Lächeln lächelt, das den Mann zum skurrilen alten Mann macht. In Talkshows findet regelmäßig ein sanfter, triumphierender Sieg des Lebens über eine gespenstische Männerwelt statt. Deswegen guckt man hin und freut sich, wenn etwa Sandra Maischberger oder Anne Will älteren Spitzenpolitikern gegenübersitzen. Ihre Präsenz reicht aus, um das Gehabe mancher Dinosaurier zu entlarven.

Die Junge Frau ist mithilfe solcher symbolischer Szenen zu einem gesellschaftlichen Leitbild geworden. Es ist ein identifikationsfähiges Leitbild, übrigens auch für Männer. Auch die nehmen ihre Welt lieber zurückgeworfen aus dem Spiegel eines weiblichen Bewusstseins wahr, eines jungen, klaren, aufrichtigen Bewusstseins, das so anders zu sein scheint als ihr eigenes. Feindseligkeiten gegenüber der Präsenz, beinahe schon öffentlichen Dominanz junger Frauen sind endlich selten geworden.

Das gesellschaftliche Ideal ist, rollentypologisch gesagt, die Junge Frau, nicht etwa die perfekte Mutter oder die Familie und Beruf unter einen Hut packende Angestellte, schon gar nicht die heroische Alleinerziehende. Frauenbilder, die Gegenstand von Fürsorge oder von staatlicher Förderung sind, können kein gesellschaftliches Ideal werden. Ihnen fehlt das Trendige, Utopische, auch das Schicke, denn allein die Junge Frau ist noch undefiniert, eine Summe aller Möglichkeiten und ohne eigene Geschichte. Nur so können sich allerlei Wunschvorstellungen mit ihr verbinden. Carla Bruni war so lange Junge Frau, bis sie in Verhältnisse trat und diesen schrecklichen kleinen Präsidenten heiratete. Lady Di konnte zur idealen Jungen Frau aufsteigen, weil sie die royale Lebenslage floh und unbedingt wieder zu einem Menschen mit Zukunft werden wollte.

Niemand hat das Leitbild der Jungen Frau ausgerufen, weder die Werbung noch die Familienpolitik. Die Gesellschaft hat es sich gesucht. Das Ideal umreißt so etwas wie den Ort des Ehrlichen, Gradsinnigen, des noch nicht Vordefinierten und deswegen auch des Zukunftsfähigen in einer Gesellschaft, die sich mit all ihren Defiziten so perfekt eingerichtet hat, dass sie eine Zukunft nicht mehr zu kennen scheint. Das Ideal ist mehr als ein von der Konsumgüterindustrie ausgerufener Trend. Die Vorstellung von der Jungen Frau ist eine Einflussgröße der öffentlichen Verständigung. An ihr orientiert sich mittlerweile die Personalrekrutierung von Firmen und Institutionen. Immerhin hat es "Kohls Mädchen" schon längst ins Kanzleramt geschafft. An diesem Leitbild lässt sich zeigen, wie sehr der Feminismus die Gesellschaft durchdringt. Genauso aber lässt sich daran ablesen, wie wenig Geschlechterverhältnisse sich tatsächlich verändert haben.

Anne Wizorek beispielsweise, die vor einigen Monaten die "Aufschrei"-Debatte in Gang setzte und Gründe hatte, den real existierenden Sexismus anzuprangern, erreichte das ganz große Publikum nur, indem sie in den Talkshows die Rolle der Jungen Frau übernahm. Sie musste Empörung und Wut in der eigenen Befindlichkeit wiedergeben. Die Junge Frau darf heute sagen, was in der Gesellschaft schiefläuft, doch wird sie nur gehört, wenn im Missstand ihre unverbogene, spontane und schützenswerte weibliche Subjektivität beeinträchtigt zu werden droht. Die politische Botschaft der Jungen Frau ist, entsprechend dem Rahmen, in dem sie Gehör findet, eine vor- oder mikropolitische Botschaft, sie betreibt notgedrungen so etwas wie Egopolitik.

Soll man das als "falsches Bewusstsein" brandmarken? Es geht ja in der leitbilderseligen Öffentlichkeit nicht mehr um Jungfräulichkeitsfantasien oder Verniedlichungen. Die Frau ist "jung", insofern sie nicht kulturell definiert, eben nicht das Opfer einer sprachlichen oder mentalen Kolonisierung ist. Sie muss auch nicht länger schweigen, sondern darf heute, ja muss reden. Sie muss auch nicht in biologischer Hinsicht allzu jung sein. Sie ist gebildet, sozial intelligent, integer, kommunikativ und unprätentiös. Sie darf inzwischen sogar attraktiv sein, ohne Ressentiments auf sich zu ziehen. Sie ist nun die Fackelträgerin der Emanzipationsbewegung, aber dafür muss sie ihre Subjektivität exponieren und dabei zugleich genau so sein, wie der Trend es haben möchte. Ihr Job ist die wohlgefällige Rebellion.

Für diese Art Selbstpräsentation existiert allerdings ein riesiger Bedarf. Charlotte Roche und Helene Hegemann, um nur die derzeit populärsten Autorinnen dieses Genres zu erwähnen, schreiben Romane über die Rebellionen junger Frauen gegen verkleisterte Verhältnisse, in denen ihre Subjektivitäten korrumpiert werden. Mit Recht werden diese Bücher auch als egopolitische Manifeste gelesen. Hegemann wehrt sich gegen immer schon vorfindliche Systeme kultureller Überschreibungen. Ihnen sind ihre jugendlichen Helden schutzlos ausgesetzt, und dieser verhängnisvolle Text manifestiert sich in einer Verwahrlosung der Erwachsenenwelt.