Wann immer seriöse und zugleich lächelnde Unterhaltung fürs abendliche Fernsehen im Nachkriegsdeutschland gesucht wurde, riefen die Programmmacher bei ihm an, denn er war Allzweckwaffe und Joker in einer Gestalt. Der Mann hatte alles drauf, er konnte Schlager, konnte lässigen Swing, er überzeugte die Amis und machte sie glauben, er sei einer der Ihren, er konnte auch fortgeschrittenen Jazz – und vor allem war er der Inbegriff der guten Laune auf hohem Niveau. Künstler von diesem Schlag gab es in Deutschland nicht so oft, weswegen Paul Kuhn schon früh in den Rang der Unentbehrlichkeit aufrückte.

Wie gern erinnern wir uns an die Platte Play It Again, Paul!, deren Cover (das heutzutage als politisch inkorrekt getadelt werden würde) einen Raucher mit glimmender Fluppe und grandiosen Tränensäcken zeigte. Klar, dass dieser Mann irgendwann in der Herzchirurgie landen würde, doch ebenso klar war auch, dass er sie bald wieder verlassen würde.

Und natürlich sah man ihn dann erneut mit Zigarette im Mund, denn der Rauch, so glaubte er, ließ seine Stimme besonders apart knarzen. Ja, singen konnte Paul Kuhn auch, aber es war eine Stimme für kleine Räume, gleichsam für die abendliche Zweisamkeit, die nur das Mikrofon und die Lautsprecher größer machten, als sie war.

Er war ein Virtuose – und ein echter, bescheidener Teamspieler

Seit Menschengedenken zählte er zu den erhebenden Entertainern des deutschen Musiklebens; was er für das Niveau der Jazz- und Unterhaltungskultur in Deutschland geleistet hat, grenzt ans Unerhörte. Dem Konzert- und Fernsehpublikum erschien er seit den frühen fünfziger Jahren als der frohe Geist, der stets bejaht, ein unermüdlich positiver Klavierarbeiter, Troubadour, Bandleader, Arrangeur, Produzent.

Als Benjamin tourte er mit den beiden älteren Freunden und Kollegen Max Greger (Saxofon) und Hugo Strasser (Klarinette) Jahr um Jahr unter dem Motto "Swing- Legenden" durchs Land und begeisterte die Fans, auch durch die unverfälschte Glückseligkeit, dass sie, die Gentlemen des Swing, das alles noch erleben konnten, als bleibe die Zeit stehen.

Kuhns Leben las man seinem Gesicht ab. Faul war er nie. Der 1928 in Wiesbaden geborene Musiker gewann mit acht Jahren einen Akkordeonwettbewerb, er spielte in städtischen Weinlokalen, besuchte das Konservatorium, wechselte zum Klavier, schrieb Arrangements und übte sich alsbald auf dem Terrain der jungen, kessen und politisch missliebigen Jazzerei. Den Zugang zu ihr hatte er in den Kriegsnächten gewonnen, als er während der Bombenangriffe als Brandwache auf dem Dachboden seines Gymnasiums Radio Calais oder BBC hörte.

Nach dem Krieg spielte er vor den GIs in Frankfurt und Wiesbaden so virtuos, dass sie sich um ihn rissen. Diese Zuneigung schmeichelte ihm, aber zum radikalen Jazz-Parteigänger wollte er nicht werden. Gern sang er ja flotte Schlager wie Es gibt kein Bier auf Hawaii, und wenn er auch nicht alle Songs seines Repertoires schätzte, so hat er sich doch die Seele nicht schmutzig gemacht. Bald übernahm er die Bigband des Senders Freies Berlin, reiste um die Welt und wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Alles in allem also eine sehr deutsche Karriere. Trotzdem hat das Leben Paul Kuhn nicht zerknautscht. Er sah nur so aus.

Fraglos war Paul Kuhn ein Phänomen. Über all die Jahre hat er den Jazz mit aufrechter Swing-Verortung hierzulande hoffähig gehalten; er hat ihn nie so avantgardistisch gestaltet, dass er die breite Gefolgschaft verloren hätte, und nie so flach, dass er die doch sehr überschaubare Jazz-Fachgemeinde verschreckt hätte. Nein, Kuhn fand einen klugen Weg, ebenso originell wie konservativ zu sein. Er war der Brückenkopf zwischen der Normalbevölkerung und den Spezialisten, er lehrte das Publikum die Grammatik, sodass es für die Zuhörer, einmal entflammt, nur ein paar Streichholzlängen weit war zu Bill Evans, George Shearing oder Oscar Peterson.

Auf diese Weise war Paul Kuhn ein Musikus für die ganze Familie, die perfekte Jazz-Volkshochschule auf zwei Beinen. Zudem: Kuhn war ein wirklich exzellenter, hoch qualifizierter Klavierspieler, virtuos, geschmackvoll, absolut stilsicher und nicht zickig. Man musste ihn mal Charlie Parkers Standard Ornithology spielen hören, dann wusste man über seine Kompetenz auch beim Bebop Bescheid.

Wenn Kuhn mit seinem Trio unterwegs war, merkte man am besten, dass der formidable Pianist ein bescheidener Künstler war – er liebte das Teamwork, trat bei Soli der Kollegen aufrichtig zurück und nutzte die Bühne nie zur Ein-Mann-Show. Seine Liebe galt der Band, die Kunst des großen Count Basie nannte er "die Basis". Und so nahmen es seine Fans im Frühjahr 2013 mit Bewunderung und Aufatmen zur Kenntnis, dass sich Kuhn zu seinem 85. Geburtstag tatsächlich einen Lebenswunsch erfüllt hatte. Mit seinen Kollegen John Clayton und Jeff Hamilton spielte er seine L.A. Sessions, und in den Capitol-Studios saß er am Flügel von Nat King Cole.

Mit dieser Platte im Herzen ist dieser wunderbare Künstler jetzt im Alter von 85 Jahren gestorben.