Wie war Reich-Ranicki? Das fragen mich viele in diesen Tagen. Man möchte wissen, ob er eigentlich immer so war, wie man ihn aus seiner Sendung Das Literarische Quartett kannte. So unfassbar lebendig, witzig, schlagfertig, unbestechlich und siegessicher. Oder ob es nicht auch noch einen anderen, einen um ein paar Grad gewöhnlicheren, gemütlicheren Marcel Reich-Ranicki gegeben habe, einen Reich-Ranicki im wohltemperierten Stand-by-Modus, in dem wir Normalsterblichen einen großen Teil unseres Lebens verbringen. Nachdem ich Reich-Ranicki in den letzten anderthalb Jahren des Literarischen Quartetts auf den schwarzen Ledersesseln gegenübersaß, mit ihm endlos telefoniert und ihn ein paarmal in seiner Wohnung in der Frankfurter Gustav-Freytag-Straße besucht habe, bin ich mir sicher: Es gab nur einen Marcel Reich-Ranicki, und der spielte radikal und leidenschaftlich immer und überall nur eine Rolle – seine eigene. Und darin war er groß.

Er war hingerissen, nein, nicht von sich selbst, denn er war kein Narziss, aber von der Lust an der Literatur, am Drama, am Wärmekreislauf der Argumente und Pointen. Das Fernsehen, wo er im Rentenalter zu einem Star wurde, dessen Berühmtheit die der Schriftsteller, die er dort verriss oder lobte, um ein Vielfaches übertraf, hat er als Bühne gerne benutzt. Ernsthaft interessiert hat es ihn, glaube ich, nicht. Die Fotografen, die Kameras, der Puder – der ganze Fernsehquatsch war ihm im Grunde lästig.

Für die Sendungen des Literarischen Quartetts gab es eine klare Regel: Bis kurz vor der Sendung kein Wort über die Sendung. Kein Gekrame in Notizzetteln, keine Nervosität, stattdessen echte Gespräche über Theater, über Brecht, über Goethe. Woher hatte er diesen überlegenen Gleichmut? Ich glaube, er hatte schon zu viel erlebt. Er hat gesehen, wie seine Eltern auf dem Warschauer Umschlagplatz mit der Peitsche zum Abtransport in die Vernichtungslager getrieben wurden. Im Vergleich dazu waren die Abende vor einem Millionenpublikum dann Nebensache. Das Fernsehen war nur ein zufälliges Überlaufgefäß für seine sowieso immerzu überströmende Lebenskraft.

Natürlich konnte er verletzen. Er hat Autoren verletzt und auch meine Vorgängerin in seiner Sendung, zu der er gesagt hat: "Ich glaube, Sie halten die Liebe für etwas Unanständiges." Aber er konnte auch einstecken. Er war nicht kleinlich. Der Esprit eines Gespräches war ihm wichtig. Er wollte sein Publikum vor allem nicht langweilen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass man in seiner rastlosen Mühe um Unterhaltsamkeit auch die Melancholie eines Menschen herausspürte, der niemandem mehr vertrauen konnte und der das Empfinden hatte, mit der Welt zwar häufig in heftigem Streit, aber nicht wirklich in Berührung zu sein. In seiner Autobiografie hat er sich einen "Gezeichneten" genannt. Daran konnten alle Ehrungen, alle Erfolge nichts mehr ändern.

Heute ist die Zeit, in der man mit so beeindruckenden Theaterschwertern wie damals im Literarischen Quartett um die Literatur kämpft, vorbei, der Vorhang zu. Einen neuen Literaturpapst wird es nun nicht mehr geben. Er war der letzte.