Jetzt triefen sie den Kandidaten nur so aus dem Mund: die Sprüche, die Ehrfurcht vor "dem Volk" heucheln. Doch das Volk, so wie es Freiheitliche sehen, das sind einmal "unsere Österreicher". Sozialdemokraten anderseits sprechen vorrangig alle an, die nach sozialer Gerechtigkeit dürsten. Die ÖVP hingegen hat ein Volk im Visier, dem es eine entfesselte Zukunft voll Optimismus verspricht. Für Grüne besteht das Volk wiederum hauptsächlich aus lauter Menschen, denen man erst mithilfe eines pädagogischen Politikansatzes zu gesellschaftlichem Glück verhelfen muss.

Das Volk ist nicht das Volk ist nicht das Volk. Die Wahlwerbung bringt ans Licht, was die Parteien von denen halten, die am Sonntag über die Verteilung der Mandate im Nationalrat entscheiden sollen. Sie halten offenbar herzlich wenig von der intellektuellen Auffassungsgabe und von dem politischen Wissen "des Volkes". Sonst könnte etwa nicht das Team Stronach glauben, es könnte den Sprung in das Parlament schaffen, indem es die Banalitäten seines Parteigründers nachbetet. Und auch die Regierungsparteien wären nicht so dumm, sich im Wahlkampf so zu verhalten, als wären sie nicht für all das selbst verantwortlich, wogegen sie in Zukunft anzurennen versprechen.

Einer Standarddefinition zufolge ist es ein Merkmal der Demokratie, dass "das Volk" immer die Regierung erhält, die es verdient. Man könnte diese Formel freilich auch umdrehen: Parteien bekommen die Wähler, die sie verdienen. Jedenfalls sind Parteien und "das Volk" kommunizierende Gefäße. Deshalb wird vermutlich als fünfte Partei eine Gruppierung in den Nationalrat einziehen, deren auffallendstes Merkmal die provokante Ahnungslosigkeit ihres Spitzenkandidaten ist. Deshalb scheint auch der verschwitzte Patriotismus den Freiheitlichen Vorteile zu bringen. Deshalb spielen die Grünen die Unschuld vom Lande, und deshalb verhalten sich beide Regierungsparteien so, als stünden sie in Opposition zum jeweiligen Koalitionspartner. Das wirft weniger ein schlechtes Licht auf die Parteien, sondern mehr auf die, um deren Stimmen sie buhlen.

Natürlich sprechen Parteien schon aus Eigeninteresse den Wählern nach dem Mund. Dazu beschäftigen sie eine gar nicht so geringe Zahl an Beratern. Die Parteien sind genau darüber informiert, wie man Pensionisten männlichen Geschlechts im urbanen Raum erreichen kann oder junge Frauen mit einem höheren Bildungsabschluss, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen. Die Parteien wissen, mit welchen Argumenten Nichtwähler vielleicht doch noch zu den Urnen zu bringen sind. Sie wissen, welche Wählersegmente ihnen fehlen, um ihren Stimmanteil maximieren zu können. Das öffentliche Auftreten der Parteien sagt weniger etwas über die Wahlwerbenden aus, sondern mehr über die, um deren Stimmen es geht.

Also geht es um "das Volk" – oder, besser, um "die Leute". Von diesen ist bekannt, dass nur wenige sich intensiv mit Politik beschäftigen. Für die meisten ist Politik ein Angebot, das sie nur gelegentlich nachfragen – auch wenn sie häufig über Politik und Politiker murren. Wenn politische Information im TV zu intensiv oder auch zu kompliziert wird, zappt das Publikum rasch zum nächsten Kanal. Politik ist zu langweilig – oder auch zu anspruchsvoll. Deshalb versuchen die politischen Anbieter, also die Parteien, kurzweilig zu sein. Die Folge: Politik wird oft bis zur Unkenntlichkeit durch politisches Entertainment vereinfacht. Und das liegt nicht primär an den Parteien, es liegt am demokratischen Souverän.

Es ist ein Zeichen von Stabilität, wenn in einem Wahlkampf Aufregung fehlt

Der kümmert sich nur in Krisenzeiten leidenschaftlich und intensiv um Politik. Politik mobilisiert die Massen etwa dann, wenn ein Systemwechsel in Reichweite liegt. Wie in Polen 1989. Oder in Moskau im August 1991, als das massenhafte politische Engagement der Sowjetbürger den Putschversuch der kommunistischen Orthodoxie zunichtemachte. Wenn aber entschieden werden soll, wer 2013 in Österreich eine neue Regierung bilden wird, so ist diese Frage zwar nicht uninteressant, aber sie erweckt nicht weitverbreitetes, leidenschaftliches Engagement.

Man muss ja kein professioneller Beobachter der österreichischen Politik sein, um annehmen zu können, dass nach dem Wahltag vermutlich more of the same auf dem Programm steht und keine dramatische Wende zu erwarten ist. Und wer Bundeskanzler wird, das ist zwar nicht unbedeutend, doch wirklich weltbewegend ist es nicht – so sieht es die nicht unrealistische Einschätzung der meisten Wähler. Das ist ein Zeichen der Stabilität einer Demokratie. Es gibt zum Glück keinen Grund zur Annahme, am 29.September müsse ein großes Übel von der Republik abgewendet werden.