Wozu überhaupt wählen? In der Erwartungshaltung vieler Stimmberechtigter steht das Ergebnis des Urnengangs ohnehin längst fest: Die Konstellation in der nächsten Regierung werde sich kaum von der gegenwärtigen Situation unterscheiden. Wechselstimmung ist weit und breit nicht in Sicht. Der Datenschutzaktivist Hans Zeger mühte sich unlängst sogar damit ab, in vielen Zahlenspielen den Nachweis zu erbringen, dass es bedeutungslos sei, wie die Wählerströme flössen. Am Ende mündeten sie immer im rot-schwarzen Regierungsmodell. "Nichtwählen als demokratische Verpflichtung", schwurbelt sein Ceterum censeo.

Der Mann befindet sich damit voll im Sog eines intellektuellen Modetrends. Vor den deutschen Bundestagswahlen hatte gleich eine ganze Riege von Geistesgrößen öffentlich ihre Verachtung für das politische System kundgetan: Es sei irgendwie unter ihrer Würde, zur Wahl zu gehen. Auf die tatsächliche Wahlbeteiligung hatte die diese versnobte Attitüde allerdings nur überschaubaren Einfluss: Zum ersten Mal seit Langem war sie wieder leicht gestiegen.

Wahlverweigerung ist für die Diven des Denkens ein Luxusproblem

Bei den Nationalratswahlen am Sonntag erwartet sich hingegen kein Demoskop eine Trendumkehr. Knapp 20 Prozent aller Wahlberechtigten weigerten sich 2008, eine Partei auf dem Stimmzettel anzukreuzen. In diesem Jahr wird die Wahlbeteiligung aller Wahrscheinlichkeit nach wieder ein wenig geringer ausfallen. Wären sie eine Partei, die Nichtwähler würden diesmal bereits die zweitstärkste politische Kraft in Österreich stellen.

Doch die Wahlbeteiligung allein besagt wenig über die Qualität eines politischen Systems. Würden sich die Nichtwähler aus einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zusammensetzen, es wäre tatsächlich weitgehend irrelevant, wie hoch ihr Anteil ist. Wenn sich aber kompakte gesellschaftliche Gruppen nicht mehr an Wahlen beteiligen, kann die repräsentative Demokratie ein Problem bekommen. Denn Leute, die Wahlen schwänzen, werden nicht vertreten, und bleiben ganze Schichten fern, verlieren diese irgendwann jeden Einfluss in den politischen Institutionen. Ihre Interessen werden nicht mehr vertreten.

Eine Untersuchung der amerikanischen Politikwissenschaftler John Griffin und Brian Newman im renommierten Journal of Politics zeigt, dass US-Senatoren die Anliegen von Nichtwählern meist links liegen lassen, oft ohne es überhaupt zu wissen. Wer sich an Wahlen beteiligt, kommuniziert seine Interessen außerhalb der Wahlkabine eher an Volksvertreter. Dazu kommt ein praktischer Grund: Nur wer seine Stimme abgibt, bringt einen Abgeordneten auch in seine Abhängigkeit. Er ist auf diese Stimmen ist angewiesen. Für seinen politischen Erfolg sind Nichtwähler irrelevant. Diese logische Verkettung trifft im österreichischen System auch auf die Parteien zu: Sie vertreten vornehmlich jene Gruppen, von denen sie sich Unterstützung an der Urne erwarten.

In Österreich gibt es nur wenige verlässliche Untersuchungen über Nichtwähler. Einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes Imas zufolge ist die Wahlverweigerung im jüngsten Segment der Stimmberechtigten (16 bis 29 Jahre), im urbanen Milieu und in der Schicht mit niedrigem Bildungsniveau am größten. Es sei allerdings schwierig, meint die Politikwissenschaftlerin Eva Zeglovits, präzise Aussagen über die Zusammensetzung der Nichtwähler zu treffen. Die Mitarbeiterin an der Austrian National Election Study, einer breit angelegten universitären Untersuchung über das Wahlverhalten, macht dafür ein methodisches Problem verantwortlich: So, wie sich früher viele Wähler der FPÖ bei Umfragen nicht deklarieren wollten, gestehen vermutlich heute noch viele Wahlverweigerer nicht ein, dass sie der Urne den Rücken kehren.

"Ich unterstelle den Parteien schon", sagt die Wahlforscherin Zeglovits, "dass sie vor allem Angebote für jene Leute machen, von denen sie das Gefühl haben, dass sie realistischerweise an der Wahl teilnehmen." Unterrepräsentierte Gruppen sind dadurch laut Zeglovits eingebürgerte Österreicher und junge Menschen. Aber auch die immerhin 500.000 Auslandsösterreicher spielen im Wahlkampf keine Rolle. "Für die gibt es keine Wahlzuckerl", sagt Zeglovits. "Das ist eine Gruppe, deren Interessen nicht sichtbar vertreten werden." Kein Wunder: Bei den vergangenen Nationalratswahlen gaben nicht einmal 20 Prozent von ihnen eine Stimme ab. Auf 100.000 abgegebene Stimmen möchte der Auslandsösterreicher-Weltbund den Anteil künftig heben.

Wenn medienaffine Philosophen wie etwa der Bestsellerautor Richard David Precht (Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?) zur Demokratieabstinenz aufrufen und die Politikverdrossenheit vieler instrumentalisieren, spielen sie ein doppeltes Spiel: Die Diven des Denkens können sich Aufmerksamkeit verschaffen, sie üben Einfluss aus, auch ohne ihre Stimme abzugeben. Das Privileg einer elitären Minderheit.

Wer nicht wählt, kommt in der Regel nicht vor. Gleichzeitig beeinflussen Nichtwähler dennoch das Wahlergebnis. Je geringer die Beteiligung, desto billiger werden im österreichischen Modell der repräsentativen Demokratie die Mandate. Dies, schätzt Eva Zeglovits, bevorzuge jene Parteien, die über eine vergleichsweise treue Stammwählerschaft verfügten, die sich leichter in die Pflicht nehmen lasse. Gruppierungen, die sich ihre Stimmen aus dem volatilen Wählermarkt zusammenfischen müssen, haben es schwerer.

Sozial deklassierte Schichten, die nicht wählen, werden übergangen

Als Faustregel für die Wahlbeteiligung gilt: Je niedriger der Bildungsabschluss, je geringer das Einkommen, umso eher verzichtet jemand auf sein Stimmrecht. Das Gros der Verweigerer sind nicht jene, die glauben, Machtverstrickungen enttarnt zu haben, und das Parteiensystem daraufhin mit Verachtung strafen, sondern Bürger, die sich von den politischen Eliten nicht mehr vertreten fühlen. Ein Phänomen, das auch international zu beobachten ist: So bleiben zum Beispiel den Regionalwahlen in den Banlieues von Paris 70 Prozent der Wahlberechtigten fern. Politik zulasten der dort wohnhaften Unterschicht zu machen kostet niemandem sein Amt.

Wenn sich sozial deklassierte Gruppen geschlossen von Wahlen fernhalten, werden bestehende Ungleichheiten verstärkt. Denn auch in andere politische Partizipationsformen bringen sich die meisten von ihnen nicht mehr ein; sie fallen aus jeglicher Form der Bürgerbeteiligung und verlieren schleichend jede Vertretung ihrer Interessen.

Im internationalen Vergleich schreiten in Österreich noch immer überdurchschnittlich viele Bürger zur Urne. Trotzdem wird am Sonntagabend wohl von allen Parteien die vermutlich wieder gesunkene Wahlbeteiligung bejammert – doch schon am Tag danach kümmert sich bereits niemand mehr darum. Werner Faymann kann es nämlich herzlich gleichgültig sein, ob er mit hoher oder niedriger Wahlbeteiligung Bundeskanzler werden sollte. Auch für die zentrale Frage dieser Wahl, ob das Regierungsmodell der rot-schwarzen Koalition noch einmal knapp die Mehrheitshürde nehmen kann oder ob entgegen der landläufigen Annahme diesmal eine dritte Partei zum Machterhalt ranmuss, ist die Höhe der Wahlbeteiligung bedeutungslos. Gezählt werden am Ende des Tages nur die gültig abgegeben Stimmen.