Manchmal müssen es Nudeln mit Bolognese sein. Vor allem nach einem langen, anstrengenden Tag. Gerne vor dem Fernseher. Die Portion sollte ehrlich sein, also nicht zu klein, und an Parmesan sollte es nicht mangeln. Andere Nudelsoßen sind auch gut, aber Spaghetti Bolo vermag es von allen am besten, Glückshormone auszuschütten, jedenfalls bei mir. Der Tag, der eben noch anstrengend gewesen zu sein schien, verliert seinen Schrecken.

Schon als Kind habe ich es geliebt, meiner Mutter zur Hand zu gehen, wenn sie die Bolognese gekocht hat. Sie macht sie bis heute recht raffiniert, mit Orangenmarmelade und winzig klein geschnittenen Karöttchen. Stundenlang köchelt ihr Sugo vor sich hin auf kleinster Flamme. Wir nennen es "vor sich hin simmern", ich mag den Ausdruck bis heute. Die Tomatensoße, die zum Einsatz kommt, entstammt keiner Dose, sondern der Vorarbeit meines Vaters. Er liebt es, sein Gemüse aus dem Garten auf alle erdenkliche Weisen zu konservieren. Unglaublicherweise gelingt es ihm jedes Jahr, dass sein Paradeisersaft, flaschenweise im Keller gehortet, immer exakt bis zur nächsten Tomatenernte reicht.

Wären die Transportvorschriften im Flugzeug andere, der Vorrat würde wahrscheinlich nicht bis zum Sommer reichen. Weil ich aber den Tomatensaft aus Wien nicht im Handgepäck transportieren darf und mir eine Unterbringung im Koffer zu gewagt erscheint, reise ich stets ohne ihn zurück nach Berlin. Nur einmal habe ich mich selbst an der Tomatenaufzucht versucht, auf meinem Balkon. Das Pflänzchen verdurstete jämmerlich. Ich war zu selten zu Hause. Es war ein sehr trauriges Bild, sodass ich prompt beschloss, mich anderen Hobbys zu widmen.

Auf den Gedanken, mir im Bioladen einen besonders guten Tomatensaft in der Flasche zu kaufen, bin ich nie gekommen, wohl aus Respekt vor dem väterlichen Produkt. Stattdessen mache ich meine Berliner Bolognese mit schnöden, klein gestückelten Tomaten aus der Dose. So schlecht schmecken die nicht, und außerdem werden sie natürlich verfeinert: mit allerlei frischen Kräutern, Thymian, Rosmarin, Basilikum, Oregano, etwas Zimt, kleinstgeschnittenem Knoblauch, Senf, Orangenmarmelade natürlich und etwas Ketchup. Ich stehe dazu.

Die Soße steht und fällt mit dem Anbraten: Ich nehme Schalotten und eine große Portion Hackfleisch, ein Kilo Rind und Schwein, gemischt im Verhältnis 70 zu 30 (später wird eingefroren, in Einzelportionen). Das Fleisch und die Schalotten scharf anbraten, bis ein Bodensatz entsteht, mit Rotwein ablöschen. Danach geht es gemächlich zu, man mengt bei, 600 Gramm Tomaten sollten es sein, rührt um und lässt stundenlang köcheln. Beziehungsweise, viel schöner: vor sich hin simmern.