Nie zuvor war der Rat von Ökonomen mehr gefragt als heute, und nie zuvor standen sie derart in der Kritik der Öffentlichkeit. Das gilt auch für den eben zu Ende gegangenen Bundestagswahlkampf, in dem sich viele Wirtschaftswissenschaftler selbst zu Wort meldeten oder Politikvorschläge der Parteien analysierten. Die ZEIT (Nr. 30 und 39) hat darüber – zum Teil kritisch – berichtet.

In einer Demokratie müssen wirtschaftspolitische Entscheidungen von Regierungen und Parlamenten getroffen werden, die Wirtschaftsforschung kann sie nicht aus ihrer demokratisch legitimierten Verantwortung befreien. Ich bin aber davon überzeugt, dass es richtig ist, wirtschaftspolitische Maßnahmen im Hinblick auf ihre tatsächlichen Wirkungen regelmäßig kritisch und kompetent zu untersuchen. Dabei müssen jedoch einige grundsätzliche Punkte berücksichtigt werden.

Die Politik und die Öffentlichkeit bemängeln zunächst vor allem, dass es selbst in zentralen wirtschaftspolitischen Fragen oft keine eindeutige Botschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung gibt. Dabei wird oft nicht beachtet, dass eine gewisse Vielstimmigkeit der Analyse nahezu unausweichlich ist. Das ist schlicht eine Konsequenz der Komplexität des Erkenntnisgegenstandes. Ebenso wenig, wie politisches Handeln mit absoluter Sicherheit zum gewünschten Erfolg führen kann, darf man von der empirischen Wirtschaftsforschung in jedem Fall eindeutige Aussagen erwarten.

Welche Konsequenzen sollte eine Gesellschaft, die sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet sieht, daraus ziehen? Es wäre sicher nicht der richtige Schluss, auf die kritische und kompetente Analyse ganz zu verzichten. Es kommt auf die Wahl des geeigneten Instrumentariums an. Die sogenannte evidenzbasierte – also auf empirische Belege gestützte – Politikberatung stellt es bereit. Damit ist nicht nur der Einsatz fortgeschrittener Methoden der empirischen Wirtschaftsforschung gemeint. Es geht vielmehr darum, offen aufzuzeigen, in welchem Ausmaß die Schlussfolgerungen, die angeboten werden, durch empirische Belege abgesichert sind.

Wirtschaftspolitische Maßnahmen können nur dann wirksam und zielgenau sein, wenn Ursachen und Wirkungen zuvor verlässlich herausgearbeitet werden konnten. Doch gerade bei den "großen" Fragen der Wirtschaftspolitik gibt es oft nur wenige Präzedenzfälle, sodass man für die Analyse bestenfalls plausible Analogieschlüsse heranziehen kann und die verbleibende Unsicherheit groß ist.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die hoch emotional geführte Debatte um die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns. Das Spektrum der Erwartungen reicht von hohen Zuwächsen an Kaufkraft und Wohlstand bis zu hunderttausendfachem Arbeitsplatzverlust und einem Desaster für die öffentlichen Finanzen. Doch da es für einen flächendeckenden Mindestlohn in Deutschland keinen historischen Präzedenzfall gibt, kann die empirische Basis eigentlich keine apodiktischen Aussagen stützen. Ernsthafte wirtschaftswissenschaftliche Studien stehen zu der mit ihren Schlussfolgerungen verbundenen Unsicherheit.

Entscheidend ist daher, dass Ökonomen in der Kommunikation gegenüber Politik und Öffentlichkeit die Grenzen der eigenen Erkenntnis offen benennen. Im Kern bedeutet das, nachvollziehbar darzustellen, wie der vorliegende Erfahrungsschatz – also die Daten, auf die man in der Analyse zurückgreifen kann, und die für Analogieschlüsse zur Verfügung stehenden Präzedenzfälle – mit unvermeidbaren theoretischen Annahmen so zusammengeführt wurde, dass sich die abgeleiteten Schlussfolgerungen ergeben haben.