Ein Motto kann schön sein, kein Motto ist aber auch nicht schlimm. Wer in dieser Saison etwas über die Mottotrends an deutschsprachigen Opernhäusern erfahren will, muss lange wühlen und suchen. Und landet schließlich – in der Provinz. Die Theater von Fürth, Erfurt und Bielefeld haben nämlich eins, in Berlin, Hamburg oder Stuttgart hingegen wird das, was da kommt, nicht groß bemottet, äh, bemottot. Souverän ist, was sich von selbst versteht?

Ein Motto kann freilich auch eine Last sein. Gießen etwa dürfte sich mit "Wir werden es gewusst haben. Futur 2.1" ein ziemliches Ei gelegt haben. Auf welche Fährte soll der Zuschauer hier gelockt werden? Auf die seiner grammatikalischen Verrohung? Oder spielt die in ein rotes Ringbuch gekleidete Spielzeitvorschau gar auf die örtliche Sparkasse an, ästhetisch ganz subtil, versteht sich? Auch sonst aber wird das Motto leicht zum Problem. Der Dramaturg wird es in jedem Einführungsvortrag hervorzerren, auf den Proben werden Mottowortwitze gerissen, auf den Premierenfeiern Mottotoasts ausgesprochen, und spätestens nach der Hälfte der Spielzeit weiß keiner mehr, was mit dem Motto eigentlich gemeint war.

In den großen Opernmetropolen ist das Spielzeitmotto deshalb ziemlich aus der Mode geraten. Darin ähnelt es den Mottopartys, die man, seitdem mottokostümierte Menschen durch die Fußgängerzonen deutscher Kleinstädte ziehen und lustige Trinkspiele veranstalten, auch nicht mehr richtig schick finden kann. Die große Ausnahme von dieser Regel ist die Bayerische Staatsoper, die in dieser Spielzeit eine riesige Nietzsche-Mottoparty veranstaltet. Ob Intendant Nikolaus (Klaus) Bachler ein Kostüm vorbereitet hat, verrät die üppige Saisonbroschüre leider nicht. Dafür gibt es, rund um Nietzsches Wie man wird, was man ist, viele nostalgische Aufnahmen mondäner Menschen im Theater zu betrachten. Ach, sagen diese Bilder, auch das Publikum war früher schöner.

Eine hübsche Idee für ein Themenheft hatte das Theater Konstanz, das unter dem Motto "Märchen – Mythen – Europa" seine Sänger und Schauspieler in Märchenkostüme steckte, die wiederum, Achtung!, nur mit 3-D-Brille richtig zu erkennen sind. In Hof hingegen wollte man mit "Frauen...Männer...Mitbürger!" wohl mehr an den Gemeinsinn appellieren. Allein gibt es längere Bärte als Märchen, Mythen und Männer? Ist in den vergangenen Monaten denn so gar nichts Mottoträchtiges passiert in der weiten Welt? Königlich-britische Babys, gestreckte Mittelfinger, Veggie-Days – nie gehört? Doch die Oper, das alte Schlachtross, ist ein schwerfälliger Betrieb. Der Finanzkrise von 2008 immerhin werden erste zarte Andeutungen zuteil. Das Mainfranken Theater Würzburg möchte in dieser Spielzeit "Von Geld und Götzen" erzählen, in Fürth wendet man sich unter dem Schlagwort "Rohstoff Mensch" dem Humankapital zu. Und ein besonders schönes Motto, das immer geht, hat sich das Theater Mainz auf die Fahnen geschrieben: "Pure Vernunft darf niemals siegen!" Jawohl, das finden wir auch! Und freuen uns schon auf die NSA-Mottos der Spielzeit 2020/21.