Die Diener der Kirche müssen barmherzig sein. Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker.
Franziskus

Die Welt ist gut. So lautet die Grundbotschaft des Papstes, die sein Verhältnis zur Welt bestimmt. Dabei heißt Franziskus keineswegs alles gut, was die Menschen hier und heute tun, aber er sieht es als seine Aufgabe, auf alle zuzugehen und das Evangelium so zu verkünden, dass wir verstehen: Es handelt von uns und unserem Glück!

In den letzten Jahren erschien die Kirche oft als Verein von Moralaposteln, die Menschen fühlten sich verdächtigt. Franziskus erinnert daran, dass die Sünder die ersten Adressaten des Evangeliums sind, und nennt sich selbst einen Sünder. Er vermittelt uns nicht das Gefühl, der Himmel sei unerreichbar, so sehr wir uns auch strecken, sondern zeigt uns, dass Heilung dort beginnt, wo Menschen Not erfahren.

Dazu passt, was der Papst tut: Er versucht, bei der Neuordnung der vatikanischen Verwaltung aus seinen Fehlern als junger Ordensoberer zu lernen. Er lässt sich von Kardinälen beraten und trifft sich mit Diplomaten des Vatikans. Franziskus’ Kirche soll politisches Gewicht haben in der Welt. Deshalb geht er nach Lampedusa, spricht zu Syrien, besucht Bedürftige. Seine Methode ist jesuitisch: Ich kann die Not nicht bekämpfen, ohne sie erlebt zu haben. So ist es auch gemeint, wenn er vom Feldlazarett spricht, wo der gute Priester wie der gute Arzt zuerst die Wunden versorgen muss. Mit anderen Worten: Ein Pfarrer, ein Bischof und auch ein Papst muss die Menschen kennen. Er muss wissen, was ihnen das Herz schwer macht. Denn niemand ist ohne Wunden. Der Papst wendet sich an alle, die sich ungeliebt fühlen, und sagt: Ich mag dich. Denn Gott mag dich und heilt dich. Und zwar bedingungslos.

Die Hoffnung ist ein Geschenk Gottes. Gott ist ganz Versprechen.
Franziskus

Am vergangenen Samstag las ich auf dem Flug nach Nairobi das Papstinterview. Bei Ankunft geschah gerade das Geiseldrama im Westgate-Einkaufszentrum. Meine Reise führte mich jedoch zum Flüchtlingslager Kakuma im Nordwesten Kenias, an der Grenze zum Südsudan und Äthiopien. Auch Somalia ist nicht weit, von dort kommen die meisten der 125 000 Flüchtlinge im Lager. Für sie arbeitet der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (Jesuit Refugee Service, JRS). Nun inspiriert uns der Papst mit seinen Worten, dass die Kirche an den Grenzen sein soll.

Ja, an den Konfliktlinien ist unser Platz, um den Flüchtlingen zu dienen und ihre Rechte einzuklagen. Im JRS arbeiten Jesuiten, Laien und Schwestern in über 50 Ländern, vor allem in Afghanistan, in Ostkongo, in der Zentralafrikanischen Republik und nicht zuletzt in Syrien. Das Wort des Papstes von der Kirche als "Feldlazarett" trifft auch den Kern unserer Arbeit, jene Menschen zu heilen, die in Krieg und Vertreibung Furchtbares erlebt haben, auch sexuelle Gewalt.

Welche Hoffnung trägt uns in hoffnungslosen Situationen? Sie ist, wie Papst Franziskus sagt, kein persönlicher Optimismus, sondern im Glauben verwurzelt: dass die Sehnsucht der Menschen nach Liebe und Frieden stärker sein möge als Hass und Gewalt. Der JRS gibt dieser Hoffnung auch Raum durch Erziehungsprojekte für über 200 000 junge Flüchtlinge, vom Kindergartenkind bis zum Studenten. Während in Nairobi noch die Polizei um ein Ende des Geiseldramas rang, feierten wir in Kakuma die Diplome unserer ersten 27 Studenten, die online an Jesuitenuniversitäten ihren Abschluss erlangten. Es sind Flüchtlinge aus Somalia, Äthiopien, Süd-Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Kongo und Kenia. Obwohl wir unterschiedlichen Glaubens sind, feierten wir gemeinsam und hoffen auf Frieden in Afrika.

Ich bin ein Sünder.
Franziskus

Ich stoße im Interview des Papstes auf Ereignisse in der jüngeren Ordens- und Kirchengeschichte. Da ist von "schweren Zeiten" die Rede, als der Jesuitenorden die Zweiklassengesellschaft innerhalb des Ordens überwinden wollte, die Trennung zwischen Akademikern und Nichtakademikern, zwischen Priestern und Nichtpriestern. Papst Paul VI. sah in diesem Vorhaben eine Gefährdung des "priesterlichen Charakters" der Gemeinschaft Jesu und verhinderte die Entscheidung. Das war ein erster Riss im Verhältnis zwischen vatikanischer Kurie und Orden. Papst Franziskus spricht nun von "Missverständnissen". Das eröffnet Perspektiven.

Ich horche auch auf, wenn der Papst den Namen von Pedro Arrupe nennt. Dieser für die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil entscheidende Generalobere des Jesuitenordens hatte mit dem Misstrauen der Kurie und später auch dem von Papst Johannes Paul II. zu kämpfen. Nach seinem Schlaganfall 1981 griff Johannes Paul II. in die Ordensleitung ein und machte so sein Misstrauen gegen die Entwicklungen im Jesuitenorden weltweit sichtbar. Nun spricht hier ein anderer Papst. Er schenkt Vertrauen und zeigt, dass die Kirche aus dem spirituellen Erbe des Ignatius heraus erneuert werden kann. Das ist befreiend.

Der Papst sagt: "Ich bin ein Sünder." Und er konkretisiert das am Beispiel seines früheren Führungsstils: "Meine autoritäre und schnelle Art, Entscheidungen zu treffen, hat mir ernste Probleme eingebracht." Das Klischee vom Jesuitenorden als einer quasimilitärischen Truppe durchbricht er, indem er auf die Bedeutung von Beratung und Offenheit hinweist – ein Signal für die Leitung nicht nur des Ordens. Franziskus übt Kritik ohne moralischen Zeigefinger, indem er selbstkritisch auf sich zeigt. Das ist herausfordernd.