Frauen als Priester? Nein, als Kardinäle!

DIE ZEIT: Frau Rahner, die E-Mails römischer Katholiken enden neuerdings mit der Abschiedsformel "Schöne Grüße aus dem revolutionären Rom!" Ist dort Revolution?

Johanna Rahner: Ich höre, im Vatikan wird wieder gelacht. Das scheint unter Benedikt nicht so üblich gewesen zu sein. Da ist eine neue Atmosphäre. Aber Revolution hieße strukturelle Veränderung, neue Machthabe, Ende alter Männerbünde. Das sehe ich nicht.

ZEIT: Der Papst lässt sich jetzt beraten.

Rahner: Ich bin sicher, dass Benedikt XVI. und Johannes Paul II. das auch getan haben. Neu ist, dass Franziskus es öffentlich verkündet, dass er die Bischöfe auffordert, sich aktiv einzumischen. Es gibt auch eine Revolution des Denkens. Vielleicht ist das ein Anfang.

ZEIT: Und das Frauenpriestertum? Franziskus hat die Frauen wortreich gerühmt.

Rahner: Er fordert zunächst mal die Präsenz der Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen. Damit stellt er indirekt die Machtfrage. Falls er sie zugunsten der Frauen beantwortet, ihnen also Beteiligungsvollmacht gibt, wären wir einen Schritt weiter.

ZEIT: Mehr Macht, aber keine priesterliche Würde. Wie passt das zusammen?

Rahner: Nach katholischem Verständnis bedeutet das Priesteramt nicht Machtausübung, sondern Dienst an der Gemeinde. Aber es wäre eine theologisch delikate Aufgabe, weibliche Leitungsvollmacht klar vom Priesteramt zu trennen. Vielleicht gelingt es. Ein Kollege sagt gern: Historisch gesehen müssen Kardinäle keine Priesterweihe haben.

ZEIT: Frauen gleich als Kardinäle!

Rahner: Ja. Bleibt die kleine Komplikation, dass nach geltendem Recht nur Bischöfe Kardinal werden können. Am schwierigsten ist, dass es keine christliche Tradition des weiblichen Priestertums gibt. Deshalb haben auch die Protestanten erst seit fünfzig Jahren Pfarrerinnen, und immer noch gibt es innerkirchlichen Widerstand. Johannes Paul II. hatte übrigens eine Schweigepflicht zum Thema Frauenpriestertum verhängt.

"Da geht Franziskus in eine Denkfalle"

ZEIT: Franziskus rühmt die Frauen auch, weil sie so anders seien als die Männer.

Rahner: Ja, da geht er in eine alte Denkfalle. Denn je stärker man die Wesensverschiedenheit von Mann und Frau betont, desto schwieriger wird es, ihre gleiche Würde zu behaupten. Aber dass er den spezifischen Wert der Frauen reflektiert, könnte man schon revolutionär nennen.

ZEIT: Er sagt, "die Liebe Gottes muss der religiösen Verpflichtung vorausgehen". Erst kommt der Glaube, dann die Doktrin?

Rahner: Erst kommt der Mensch, dann die Theologie! Verblüffend ist die Offenheit, mit der der Papst sagt: Ich bin keine spirituelle Kontrollinstanz. Da sind wir mal auf die Konkretionen gespannt!

ZEIT: Die deutschsprachigen katholischen Theologen sind berühmt für ihre Reformforderungen an Rom. Sie selbst übernehmen nun den Lehrstuhl des großen Vatikankritikers Hans Küng in Tübingen. Hat Franziskus in seinem Interview bereits ein paar Reformforderungen erfüllt?

Rahner: Nein. Aber er macht klar, dass der Wunsch nach Veränderung kein Sonderproblem deutscher Abweichler, Emanzen und linksliberaler Laien ist. Die katholischen Kirchenkritiker stehen nicht mehr am Pranger. Und ein paar Probleme, die auf Deutsch benannt wurden, gelten nun endlich als Probleme der ganzen Kirche.

ZEIT: Ist das der Anfang vom Ende der alten Kirche?

Rahner: Aber nein! Nur die Ausrede mancher Konservativer, Rom habe das Nachdenken untersagt, zieht nicht mehr. Es liegt nun an den Bischöfen vor Ort, etwas zu ändern. Denn dieser Papst wendet sich der Welt zu. Für Benedikt war sie ein Abgrund. Für Franziskus ist sie ein Ort der Hoffnung. Er ist kein Mann der Doktrin, sondern ein Mann der Seelsorge; kein Mann der großen Worte, sondern der Tat. Da ist viel Wechsel im Vergleich zu Benedikt. Ehrlich gesagt, das ist auch starker Tobak für ein deutsches akademisches Gemüt wie das meine!