Stellen Sie sich vor, ein deutsches Gericht würde nach einem Machtwechsel in Berlin eines schönen Montags die Unionsparteien verbieten. Dann bekommen Sie eine Ahnung davon, was gerade in Ägypten passiert. CDU und CSU erreichten am vergangenen Sonntag ungefähr so viele Stimmen wie die Muslimbrüder bei den ersten freien Parlamentswahlen in Ägypten 2011. Nun haben ägyptische Richter die Bruderschaft und alle ihre "Aktivitäten" verboten. Eine linkssäkulare Splitterpartei hatte den Verbotsantrag gegen die 85 Jahre alte Organisation gestellt. Schluss und aus mit den bärtigen Brüdern – darauf wenigstens hoffen die Richter und die säkularen Ägypter, die für das Verbot eintreten.

Doch der Versuch, die stärkste politische Organisation und die einzige ägyptische Volkspartei durch ein schlichtes Verbot niederzuschlagen, wird scheitern. Das liegt vor allem daran, dass eine Bewegung mit starkem Rückhalt im Volk nicht einfach rechtlich weggewischt werden kann. Genauso gut könnte man versuchen, einen Teil des Volkes zu verbieten. Wie nur konnte die Regierung aus den Fehlern der Vergangenheit so wenig lernen?

Die ägyptische Justiz bleibt mit diesem neuesten Urteil ihrer Kurzsichtigkeit treu. Seitdem die Partei der Muslimbrüder bei den Wahlen im November 2011 über 40 Prozent der Stimmen erhielt, versuchten die Richter die Brüder zurückzudrängen. Das wunderte niemanden in Kairo, denn viele der Juristen sind noch vom gestürzten Herrscher Mubarak eingesetzt worden. So lösten die Richter im Laufe der Revolutionsmonate genau jene Gremien und Parlamente auf, in denen die Brüder nach den Wahlen die Mehrheit hatten. Nach dem Militärputsch vom 3. Juli ging man richtig zur Sache: Auf ein Polizeimassaker an demonstrierenden Muslimbrüdern mit über 600 Toten folgte die Verhaftung vieler Mitglieder und der gesamten Führung, Verstaatlichung ihres Privatvermögens, Misshandlungen im Gefängnis.

Das ist das uraltbekannte autoritäre Ägypten. Die Generäle in Kairo und die von ihnen abhängige Übergangsregierung wollen ihr Land mit einer reichlich abgestandenen Idee in die Zukunft führen: "Alle, die uns nicht gefallen, verbieten wir einfach." Das hat schon früher nicht geklappt. Ihr großes Vorbild, der populistische Diktator Gamal Abdel Nasser, ließ die Muslimbrüder in den fünfziger Jahren verbieten. Die breite islamistische Bewegung aus strenggläubigen Befreiungskämpfern, Koranlehrern, Sozialtheoretikern und Suppenköchen verengte sich danach auf den Untergrundkampf. Anschläge wurden in Ägypten zur Alltagserscheinung. Später, als Nassers Erbe Hosni Mubarak einzelnen Muslimbrüdern als "Unabhängigen" politische Teilnahme an Wahlen gestattete, liefen ihnen die Wähler in Scharen zu. Merke: Per Verwaltungsakt lässt sich der politische Islam – die größte Massenbewegung der arabischen Welt – nicht besiegen. Auch nicht heute unter General Abdel Fatah al-Sissi.

Am Ende wird die einfallslos brutale Verfolgung der Muslimbrüder weniger dem politischen Islam als dem ganzen Land schaden. Die Brüder sind durchaus geübt darin, in der Grauzone zwischen Gefängnis und Freiheit zu agitieren. Vielen ihrer Führer wird es vorkommen, als hätten sie in den vergangenen zwei Jahren nur Urlaub vom Knast genommen. Wie unter Mubarak – so unter Sissi. Doch anders als unter Mubarak könnte sich ein Teil der Muslimbrüder radikalisieren und wieder Bomben werfen. Dem Terror hatte die Bewegung vor 40 Jahren abgeschworen.

In Ägypten herrscht längst wieder das autoritäre Faustrecht. Die bürgerkriegsartigen Szenen im August haben die Gewalt auf allen Seiten zum gesellschaftlich akzeptierten Mittel gemacht. So wie Säkulare das Massaker an 600 Muslimbrüdern verteidigen, finden Islamisten offenbar nichts Schlimmes an toten Polizisten oder an brennenden Kirchen. Doch die Gewalt geht vor allem vom Staat aus.

Am Nil geht die Angst um. Der Ausnahmezustand ist gerade verlängert worden. Seit dem Putsch vom Juli wurden Tausende Ägypter festgenommen. Viele verschwinden spurlos in irgendeinem Gefängnis, dürfen weder Anwälte noch ihre Familien sehen. Wo der abgesetzte Präsident Mohammed Mursi sitzt, wissen die Generäle allein.

Mittlerweile gehen aber immer mehr liberale Aktivisten, Blogger, junge Demonstranten für ihre Tweets und Plakate ins Gefängnis. Es war ein Irrtum liberaler Ägypter, zu glauben, staatliche Ungerechtigkeit ließe sich in chirurgischen Schlägen nur auf die Muslimbrüder anwenden, während man parallel dazu eine Demokratie ohne Bart aufbaut. Demokratie geht nur für alle oder gar nicht.