So war es immer: Wir hatten die Wahl, fanden aber, wir hätten keine, und wählten wahllos, irgendetwas von dem, was da war, der Hysterie der medialen Suspense-Bildung folgend. Wir wählten im Sinne der Selbstbestrafung etwas Abgespanntes, das uns nicht mit Empathie, nicht mit Charisma bedroht. Dazu beklagten wir uns, dass "die Politiker" die Politiker seien, also unter dem Niveau von Nicht-Politikern. Dort unten also kämpften die Wahlkämpfer ihren Kampf, in jeder neuen TV-Sendung ihrer Würde beraubt. Wären nur große Gestalten da, rief das Fernsehen und lud Minister zu Partyspielchen. Wenn irgendwer hätte wahlmüde sein dürfen, dann die Politiker.

Merkel reiste in den Osten, man sah, wie Menschen ihr die Hand küssten. Sie gab eine gute Projektionsfläche ab, mit unscheinbarer Rhetorik, mit Gesten, hinter denen man ein intaktes Matronat vermutet. Steinbrück hätte sich auf den letzten Metern einen Vollbart wachsen lassen müssen, um noch zu gewinnen. Das hat man jetzt so. Er wählte aber den Stinkefinger, der street credibility wegen. Warum nur hatte seine Partei "vier Jahre Stillstand" beklagt, wo doch die Wähler nichts dringender wünschen als ebenden? Warum nur hatten Medien wiederholt: Es bleibt spannend, Mitt Romney liegt hauchdünn vor Angela Merkel? Weil es immer spannend sein muss, damit sich die Urnenbestattung der Stimmen für Anzeigen- und Nachrichtenverkäufer lohnt.

Immerhin haben Medien von der eigenen Würde einen höheren Begriff als von der des Politikers. Der Spiegel, dessen Ruf von der Endlos-Dokumentation der "Spiegel-Affäre" lebt, ist längst ein Organ, das online Carpaccio kartografiert, Papaya-Avocado-Vorspeise zubereitet und fragt: "Darf ich die Cocktailgarnitur essen?" Er ist also, frei nach Augstein, "das Sturmgeschütz der Gastronomie". Auf dem Transfermarkt hat dieser Spiegel einen Bild-Vize ergattern, aber seinen Buffo Matussek nicht veräußern können. Den drängte es erst in die Sendung von Kurt Krömer, dann vor Gericht. Die Sendung nannte er einen "grenzdebilen Laufstall" und verlor gegen die Semantik, ist doch ein Laufstall der Kategorie des Debilen nicht unterworfen. Wohl aber Matussek der Justiz, die entschied, man dürfe ihn "hinterfotziges Arschloch" und "Puffgänger" nennen. Ja, es sind viele Felder, auf denen der Spiegel das verliert, was ihn einmal charakterisierte: Autorität und Haltung. Jetzt dürfte er wenigstens mal seine Attitüde ablegen.

Doch die stirbt zuletzt. Es ist wie bei "Syrien". Wie oft hat Guido Westerwelle vor furnierten Wänden gestanden und gesagt: "Wir fordern Assad auf...", und dann kam "politische Lösung". So ist eben Diplomatie: Es fordert, wer nichts zu fordern hat; es verpasst selbst den rhetorischen Anschluss an die Europäische Gemeinschaft, wer "mächtigste Frau der Welt" genannt wird. Daheim aber sitzen die, die mit dem Frühstücksei und dem Familienbild aus dem NPD-Spot Werbung machen, und beraten Kriegseinsätze. Dazu erklingt die Ode an "die Freiheit in Person": Alle Menschen werden Brüderle.

Die ohnmächtigste Frau der Welt aber war Angela Merkel schon in der "NSA-Affäre". Doch das lag an Columbus Snowden, der hinter Merkels Rücken das "Neuland" Internet entdeckt hatte. So hatte sie persönlich von einer Überwachung nichts gemerkt, trägt aber demnächst zur Raute vielleicht eine Neuland-Kette. Was sie also nicht gemerkt hatte, das klärte Ronald, der "Lückenlose", anschließend lückenlos auf. Ja, früher, als noch der Hahn krähte zum Verrat, war es leicht, den Judas Barack am Kuss zu erkennen.

Zum Glück beendete Innenminister Friedrich dann eigenhändig die NSA-Affäre. Das fiel ihm leicht, weil sie für ihn nie begonnen hatte. Nach Amerika brach er trotzdem zu einer "Aufklärungsreise" auf und kam unerwartet aufgeklärt zurück mit der Überzeugung: Über dem Atlantik muss die Freiheit grenzenlos sein – und bleiben. Erst teilte er mit, dank Abhörung seien "fünf Anschläge in Deutschland vereitelt" worden. Auf Nachfragen waren es dann nur noch "Überlegungen", die durchkreuzt wurden oder besser: Freiheitsrechte, für die wir jahrhundertelang gekämpft haben, oder Felder auf dem Stimmzettel. Noch in seiner Antrittsrede hatte Obama gesagt, das Streben nach Sicherheit dürfe die Freiheit nicht beschädigen. Wenige Jahre später, und als hysterisch gelten jene, die eine zivilisatorische Errungenschaft nicht kampflos aufgeben wollen, und Otto Schily fordert gleich mal zur Dankbarkeit gegenüber den Geheimdiensten auf. Aber der würde ja auch Helmpflicht für Fußgänger einführen.

Dafür weist wenigstens Bild auf die Gefahren der Freiheitsrechte hin und porträtiert einen jungen Mann unter der Überschrift: "Das Internet hat mich schwul gemacht." Das hat es bei mir auch schon versucht! So etwas könnte dem teuflischen Internet in Russland Haftstrafen einbringen. Wer sich dort vor Kindern positiv über Homosexualität äußert, muss mit Zwangslager, wer sich dagegen negativ über Homosexualität äußert, mit Putins Wohlwollen rechnen wie die Stabhochsprungweltmeisterin Jelena Issinbajewa, die zu Protokoll gab: "Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte." Die Geschichte der Diskriminierung ist gemeint.

Ja, die Leichtathletik-WM in Moskau machte überhaupt Lust auf mehr Russland bei sportlichen Großveranstaltungen wie den kommenden Olympischen Spielen: Eine Putin-Matroschka auf der Tribüne, leere Ränge, missgelauntes Personal und ein Publikum, das hinter ihm nicht zurückbleiben wollte. Der oppositionelle Moskauer Bürgermeisterkandidat Nawalny muss nach verlorener Wahl ins Gefängnis, und selbst der Fisch, den der Präsident in seinem PR-Urlaub geangelt haben wollte, wurde von "20 Kilo" (Putin) auf "10 Kilo" (Deutscher Anglerverein) heruntergestuft.

Doch eigentlich ist der Sommer immer wieder die Zeit der lässlichen und der unverzeihlichen Sünden, die eher unbemerkt durchrutschen: Da steht in Berlin ein nackter Mann im Springbrunnen, offenbar verwirrt. Der wird von der Polizei erschossen, anders geht es nun mal nicht. Da läuft ein unbewaffneter 17-Jähriger in der Kapuzenjacke durch eine Kleinstadt in Florida und wird von einem Bürgerwehrvertreter erschossen. Freispruch wegen Notwehr. Kaum Proteste. Menschlicher Schwund eben.