Wenn gleich drei Herren von sechzig Jahren, Ernst-Wilhelm Händler (Der Überlebende), Reinhard Jirgl (Nichts von euch auf Erden) und jetzt Georg Klein die Helden und Heldinnen ihrer neuen Romane ins All schicken, dann muss man wohl von einer Mode sprechen. Nun handelt es sich um sehr intelligente Schriftsteller, und trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, einer gewissen kindlichen Bastelseligkeit beizuwohnen. Bei Georg Klein ist das besonders deutlich. Schon sein letzter, fulminanter Roman unserer Kindheit war um eine herrlich schauerliche Jungenfantasie gestrickt; nun, in Die Zukunft des Mars, führt er uns auf die Fantasiereise an der Hand eines kleinen Mädchens. Gerechtigkeit muss sein!

Die Reise geht sehr weit, nämlich, der Titel sagt es klipp und klar, zum Mars. Der Zeitpunkt: Weihnachten. Das Jahr müssen wir leider offenlassen. Der Futurismus, in dem sich Kleins überbordender Einfallsreichtum diesmal geradezu aalt, gibt sich betont vage. Sagen wir es gleich: Es handelt sich um die Travestie eines Zukunftsromans.

Die "blaue Mutterkugel", also die Erde, ist auch nicht mehr das, was sie einmal war: Drei Imperien sind übrig geblieben, das des Alten Ogo, des Weißen Khan und das Reich des Don Dorokin, in dem Alide und ihre bezaubernde Mutter Elissa wohnen; sie sind aus Novonovosibirsk an den Westrand der chinesischen Protektorate ins Freigebiet Germania gekommen, als Migranten, die sich ein bisschen Bequemlichkeit erhoffen. Demokratie? Die existiert schon lange nicht mehr. Sehr geschickt und witzig amalgamiert Georg Klein ein Reich, in dem Überwachungs- und Telefontechnik so dominant sind wie die leidige Energiefrage; eigentlich sieht diese Zukunft aus wie die Vergangenheit: recht primitiv. Heizmaterial ist knapp, man schart sich ums Öfchen, ein bisschen Nachkrieg liegt in der Luft und jede Menge technische Spinnerei.

Der Oberbastler ist ein rüstiger Hundertjähriger namens Spirthoffer, bald von Alide "Opa" genannt. In seinem merkwürdigen Kopf – der, wie sich am Ende herausstellt, eine Doppelexistenz führt – lauern noch Erinnerungen an die "Gute Alte Zeit"; und doch ist er bereits ein Wesen der Zukunft, die er von seinem "Elektronischen Hospital" aus kontrolliert, halb Raumstation, halb Secondhandladen. Ein Guru, dessen Wissen sogar vom mächtigen Herrscher Don Dorokin und dessen Vasallen geschätzt wird.

Man könnte sagen, Spirthoffer sei ein degenerierter sowjetischer Ingenieur, oder noch besser, dessen Parodie. Denn wie heißt so schön das Motto des letzten der insgesamt vier Kapitel: "Der Mars will mit der Erde sprechen. Noch können wir nicht antworten. Aber ich glaube, dass es uns gelingen wird, heil auf ihm zu landen. Na, und wem wird der Mars dann gehören? Sowjetisch wird er sein!" Das Zitat entstammt der Novelle Aëlita von Alexej Tolstoi, die 1924 in der Sowjetunion verfilmt wurde. Und wer ist die titelgebende Aëlita? Die Königin vom Mars! Und wie heißt einer der führenden Ingenieure der Novelle? Spiridonow! Den zukünftigen Forschern hat Georg Klein ordentlich zu tun gegeben.

Alide also, deren Namen man als Kreuzung aus Tolstois Aëlita und Lewis Carolls Alice deuten darf, lernt den tüftelnden Spirthoffer kennen, als er Unterricht bei ihrer Mutter Elissa nimmt; offiziell um sein Russisch aufzupolieren, in Wahrheit, weil die beiden ausersehen sind, als Kosmonautinnen in die schwarze Eiseskälte des Alls gejagt zu werden. Das Weihnachtsgeschenk, das Alide von "Opa Spirthoffer" bekommt, hat sie dabei, als sie auf dem Mars landet: ein Fernrohr, das übrigens, doch damit genug der Hinweise, direkt aus Tolstois Novelle entnommen ist. An den Heiligen Abend selbst erinnert sich die niedliche Alide nicht, Spirthoffer hatte Mutter und Tochter was in den Tee geträufelt.