Wer Jan Krugier einmal begegnet ist, in seiner Galerie oben am Kopf der steilen Grand-Rue in Genf oder an einem seiner legendären Messestände, konnte den stillen Schmerz des alten Mannes nicht spüren. Äußerlich schien alles in bester Ordnung: Mal saß er da in weißer Hose mit weißem Baumwollhemd und weißen Lederslippern, mal im perfekten Tweedanzug, mal mit Spazierstock, mal mit Filzhut – immer ein Dandy und fast immer mit Zigarre, die er in den heiligen Hallen der Messen von Basel und Maastricht allerdings nicht anzünden durfte. Eigentlich, erzählte er einmal lachend, wenige Jahre bevor er starb, sei das Rauchverbot ein guter Grund, gar nicht mehr zu kommen.

Ohnehin kam Krugier wohl nicht deshalb Jahr für Jahr auf die Messen, um etwas zu verkaufen. Dafür seien, sagten viele Sammler und Händler, seine Preise deutlich zu hoch gewesen. Eigentlich kam der alte Mann vor allem, um Freunde und Kollegen zu treffen, um über Kunst zu reden – um Teil der zivilisierten Menschheit zu sein. "Sammeln ist eine Art von Psychotherapie", hat er einmal gesagt. "Auf diese Weise versuche ich, die Büchse der Pandora wieder zuzubekommen, mich mit anderen Menschen auszusöhnen und mit den Erinnerungen zu leben, die mich verfolgen."

Das war der andere Jan Krugier, der sich seinen Besuchern nicht so schnell offenbarte. Der manchmal in Interviews leise andeutete, wie sehr ihn all das quälte, was er seit seinem 13. Lebensjahr hatte erleben müssen. Der niemandem die Nummer zeigte, die man ihm in den Unterarm tätowiert hatte. 1928 war er in Polen geboren worden. Als er fünf war, starb die Mutter. Acht Jahre später ging er mit seinem Vater, einem jüdischen Patrioten aus Polen, in den Widerstand gegen die Nazis. Sein Vater wurde getötet, er selbst 1942 verhaftet. Die Deutschen ermordeten seine Stiefmutter und den Bruder in Treblinka. Jan Krugier, der damals noch Janick Jakov Krygier hieß, gelang zweimal die Flucht aus den Todeszügen, bevor er doch nach Auschwitz deportiert wurde. Er musste miterleben, wie dort in einer Nacht 8000 Menschen ermordet wurden, musste als Zwangsarbeiter der IG Farben arbeiten und wurde schließlich im April 1945 von den Engländern aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit.

Erst wollte er Maler werden, doch Alberto Giacometti riet ihm ab

Familie Bleuler in Zürich nahm den Waisenjungen auf, vermittelt über ein Hilfswerk für Emigrantenkinder. 1947 beschloss Krugier, nach Paris zu gehen, um Maler zu werden. Es war sein Freund Alberto Giacometti, der schließlich dafür sorgte, dass aus ihm einer der bedeutendsten Kunsthändler der Nachkriegszeit werden sollte. "Du kannst nicht weitermachen, Jan", sagte er dem jungen Maler, den er unter anderem Pablo Picasso, Samuel Beckett und Peggy Guggenheim vorgestellt hatte. "Du hast zu viel Schmerz in dir. Das ist zu quälend, du darfst einfach nicht weitermachen."

Krugier kaufte, verkaufte und behielt, wann immer es möglich war, Kunstwerke für sich selbst. Die Handzeichnungen-Sammlung, die er mit seiner zweiten Frau Marie-Anne Poniatowska vom Ende der 1960er Jahre an zusammentrug, gilt als eine der größten und bedeutendsten der Welt. Papierarbeiten wurden damals noch ebenso unterbewertet wie manche Werke der klassischen Moderne. Eine kleine, atemberaubende Auswahl mit Zeichnungen von Fra Bartolomeo, Rubens und Rembrandt bis zu Seurat und von van Gogh und Paul Klee bis zu Balthus und Edward Hopper war 1999 in Berlin, Venedig, Madrid, Wien und Paris und später auch in der Schweiz zu sehen. Besucher berichten, dass es in Krugiers Privathaus in einem Vorort von Genf eine ganze Wand voller Ingres-Zeichnungen gab. Die Jalousien seien deshalb in manchen Räumen ständig geschlossen gewesen – ein Privatleben in der Dämmerung. Im November 2008 starb Jan Krugier dort, umgeben von seinen papiernen Therapeuten.

Wenn nun am 4. und 5. November Christie’s in New York mehr als 150 Werke aus dem Nachlass von Krugier in einer Einzelauktion versteigern wird, ist das nur ein kleiner Teil dieser Sammlung. Anders als seine Kollegen Heinz Berggruen und Ernst Beyeler, die beide noch eigene Museen planten, oder Eberhard W. Kornfeld, der schon zu Lebzeiten große Teile seines Expressionisten-Besitzes ans Kirchner-Museum in Davos gegeben hat, scheint Krugier keine Pläne für die Zukunft seiner Sammlung gemacht zu haben. Trotzdem weist schon der Schätzpreis von insgesamt 170 Millionen Dollar darauf hin, dass es sich nicht um Werke zweiter Wahl handelt. Allein ein Sechstel davon soll ein einziges Gemälde einspielen: Wassily Kandinskys nicht einmal großformatige Herbstlandschaft von 1911.

Krugiers Hausgott Pablo Picasso ist mit 16 Werken vertreten – darunter die Maquette für die große Stahlskulptur Tête, die seit 1967 auf dem Platz vor dem Chicago Civic Center steht (25 bis 35 Millionen Dollar). Ein spätes Selbstbildnis von 1971, auf dem sich der 90-jährige Künstler mit noch erstaunlich vollem Haar gemalt hat, soll sechs bis acht, ein Doppelbildnis der Malerkinder Claude und Paloma neun bis zwölf Millionen Dollar kosten.

Darüber, wie Krugier zum schließlich wichtigsten Picasso-Händler wurde, gibt es verschiedene Geschichten. In der einen kommt sein Schwager vor, der als französischer Innenminister behilflich gewesen sei, nachdem sich Picassos Enkel Pablito das Leben genommen hatte. Dessen Schwester Marina vertraute Krugier daraufhin an, was sie geerbt hatte: Hunderte von Gemälden und Plastiken, Tausende von Zeichnungen und Grafiken. Der Galerist schickte ihre Sammlung auf Ausstellungen und verkaufte einige Werke daraus – zum Teil an sich selbst. Von den Erlösen konnte Picassos Enkelin ein Waisenhaus in Vietnam eröffnen.

Er sammelte auch Edward Hopper – zur Überraschung vieler

Altmeistergemälde werden in der Krugier-Auktion, für die Christie’s den Erben dem Vernehmen nach auch einen Teil der Provision des Auktionshauses zugesagt hat, eher spärlich vertreten sein: Gemälde von Ingres, Géricault und Delacroix kündigt das Auktionshaus bislang an. Überraschen hingegen dürfte viele Marktbeobachter das Interesse des Genfer Galeristen für die amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts. Edward Hopper ist mit dem Aquarell einer Düne in Cape Cod von 1930 (300.000 bis 500.000 Dollar), Robert Rauschenberg mit dem 1965 entstandenen Combine Painting Turkey (800.000 bis 1,2 Millionen Dollar) und Jean-Michel Basquiat mit einem großen kreuzförmigen Gemälde von 1982 vertreten (3 bis 4 Millionen Dollar). Auch sie schienen Jan Krugier Beweis für sein Credo zu sein: "Ich glaube, dass nur Schönheit die Welt retten kann."