Am 30. August 1989 titelte die Boulevardzeitung Blick: Berühmteste Dirne der Schweiz starb bei Töff-Unfall in Thailand. Die Meldung war nicht irgendwo in den vermischten Meldungen eingerückt, sie prangte oben auf der ersten Seite.

"Der Traum vom trauten Leben im exotischen Paradies fand am vorletzten Montag um 9.30 Uhr sein Ende. 'Lady Shiva' krachte mit ihrer schwarzen Honda MTX bei einem Überholmanöver in einen Jeep."

Viele erinnern sich heute noch an diese Lady Shiva. An diese Irene. Jung starb sie, 37-jährig. Sie war 1952 geboren worden.

Eines Tages taucht sie an der Schoffelgasse in der Zürcher Altstadt auf. "Sie stand gegenüber dem Eingang zum Maxim, dem Night-und-nackte-Haut-Klub mit Girls und Nackedeis im Aushang, die ziemlich nackt eben waren, aber doch noch nicht ganz ohne Hüllen", schreibt ein Zeitgenosse. Sie sieht prächtig aus. Umgangssprachlich sagt man "toll"; Tollheit ist mitgemeint. Eine Frau Anfang zwanzig, groß gewachsen – 1,75 Meter gemäß Pass, 1,78 sagt sie selbst einmal, da hat sie vielleicht etwas Schuh mit eingerechnet. Blondes Haar, mag’s auch gebleicht sein. Atemberaubende Figur. Üppiger Busen. Rosa Haut mit Sommersprossen. Aufgeworfener Mund, stark rot überschminkt. Graugrüne Augen, diese Farbe ebenfalls gemäß Pass. "'Na Süßer, kommst du mit?' – 'Bläst du mich umsonst? Ich bin ein armer Student!' – 'Du kriegst von mir den Hintern versohlt, du Rotznase, und blasen kannst dir selber!'" So schildert ein damaliger Philosophiestudent seine nicht sehr platonischen Dialoge mit dieser Nachtmacht.

Zürichs Szene war eine kleine Welt oder "ein Riesenkuchen", wie es in der Sprache der Eingeborenen heißt. Für Irene war die Stadt ein Resonanzraum. Was sie tat oder sagte, verbreitete sich wie Wellen, die sich von einer Energiequelle ausbreiten. Man wohnte oft in der Nähe von Freunden und Freundinnen, begegnete sich in den Gassen. Was für ein Biotop war diese Schoffelgasse, wo Handwerker und Künstler wohnten! Ganz unten, an der Ecke zum Rüdenplatz, das Fantasio. Treffpunkt aller Treffpunkte. Die Fanti-Bar, wo ein Mineralwasser oder eine Cola zwei Franken kostete und ein Whisky der gängigen Sorte 5,50 Franken. Im Gegensatz zum oberen Stockwerk mit den leicht gewandeten Damen, wo der Whisky 8,50 Franken kostete. Eine Ambiance wie auf Grafiken von Toulouse-Lautrec, diskret und mit Stil, so schildert es ein Gast, der hier Kunden zu treffen pflegte.

Wo Irene auftauchte, auf hohen Absätzen und in einer Wolke von Chanel No. 5, erregte sie Aufmerksamkeit und war gleich Mittelpunkt der Gesellschaft: Irena, wie sie sich oft nannte, das klang weniger gewöhnlich als Irene.

Unzählige Geschichten zirkulieren über sie. Die spitzigste geht so: Die Freundin und Modeschöpferin Ursula Rodel hat ihr ein Kostüm gemacht, Lederkleid mit Dinosaurierzacken auf beiden Schultern. Irene, mit einem Freund in der Beiz, verkracht sich mit einem Kellner, der das Falsche gebracht hat. Sie reklamiert. Er erbost sich. Sie schimpft, spuckt sogar. Als er sie schlagen will, dreht sie ihm blitzschnell eine bewehrte Schulter hin. Die Spitzen sollen wehgetan haben. Dann zog sie einen Stiletto vom Fuß; der Kellner sei unter den Schlägen zu Boden gegangen. Nein, so was lässt sie sich nicht bieten!

Eine Frau wie Irene stecken sich manche gern an den Hut. Als wäre sie eine exotische Blume, eine überdimensionierte, üppig duftende Blume. Wie kleidsam konnte das Verruchte sein!

Doch hinter Irenes inszenierter Schönheit sei ein anderer Mensch gewesen, schlichtweg ein ganz anderer Mensch, sagt ein Theatermann. Das finden viele aus ihrer nahen Umgebung. "Privat war sie seltsam scheu", berichtet eine Freundin. "Wahnsinnig lustig und schräg", sagt ein Freund.

"Ich liebe die Künstler, weil sie pervers sind"

Beim Modelabel Thema Selection ist sie zum Vorzeigemodell avanciert. Sie sieht blendend aus, ist gesund, trainiert im Fitnessstudio, geht schwimmen, auch bei großer Kälte im Zürichsee, fährt Velo. Auch die Modefrauen sind vom Champagnergeist der Zeit inspiriert. Sie veranstalten Events an ausgefallenen Orten, mit ausgefallenen Programmen. Eindrücklich war 1976 eine Schau in der "Frauenbadi", die nahe am Bürkliplatz in den Fluss gebaut ist. "Eine geniale Idee", fand der Tages-Anzeiger: "Das war Zürichs allerverrückteste Modeschau." Zusammen mit einem befreundeten Modelabel zelebriert Thema Selection jenes Gefühl von Strand und Sommer und Mittelmeerstimmung, das sich in Zürich zunehmend bemerkbar macht. Irene stakst locker auf dem hölzernen Steg über dem Bassin, im Overall oder auch im eleganten Mantel, unter dem ein paillettenglänzendes Mieder zum Vorschein kommt.