Als Bundeskanzlerin hat Angela Merkel in den vergangenen vier Jahren viele Sünden begangen. Sieht man einmal von den Geschenken an CSU (Betreuungsgeld) und FDP (Hotelier-Steuer) ab, handelt es sich vor allem um Unterlassungssünden. Wo ist das große Programm zur Integration der Migrantenkinder, wo die übergreifende Initiative dafür, Frauen in Deutschland die gleichen wirtschaftlichen Chancen zu ermöglichen wie Männern? Und warum hat Angela Merkel die Energiewende nicht so betrieben, dass die Deutschen sie als das sehen, was sie sein könnte und müsste: eine Jahrhundertreform?

Doch eine Sache hat die jetzt so eindrucksvoll bestätigte Bundeskanzlerin gut gemacht. Sie hat Europa durch die Krise geholfen, hat einen Ausgleich gefunden zwischen dem verständlichen Wunsch des Nordens, dem Süden keinen Freifahrtschein für den Schuldenzug auszustellen, und dem ureigenen Interesse des Südens, sich in und durch Europa wirtschaftlich zu kräftigen. Man kann über Einzelheiten streiten, vielleicht hätten die Griechen schneller die gröbste Armut überwunden, wenn sie vorübergehend aus dem Euro ausgestiegen wären. Aber alles in allem, und nicht zuletzt dafür ist sie wiedergewählt worden, hat Angela Merkel Europa vorangebracht. Die Euro-Zone hat einen gemeinsamen Krisenfonds, ESM genannt, die Banken müssen sich bald einer europäischen Kontrolle unterwerfen, Irland, Spanien, Portugal und sogar Griechenland können auf dem Weltmarkt wieder besser mithalten als zu Beginn der Euro-Krise.

Warum muss man das noch einmal sagen? Weil sich der mögliche Koalitionspartner SPD in seinem ersten Signal in dieser Woche genau gegen diese Politik richtete. Schluss mit der Austerität, sagte der führende Europa-Mann der Sozialdemokraten. Was er auch hätte sagen können: Schluss mit der Politik, die neben paneuropäischer Solidarität auch die Eigenverantwortung der Länder hochhält! Zu dieser Position passt auch der wieder erschallende Ruf nach gemeinsamen Anleihen der Euro-Staaten. Gemeinschaftliche Schulden würden das Ende genau dieser Eigenverantwortung bedeuten.

Wir brauchen also die gewohnte Mischung aus Härte und Mitleid, aus Fördern und Fordern noch – gerade jetzt, da Griechenland neue Hilfen braucht, vielleicht auch Portugal, vielleicht sogar Irland. Gerade jetzt, da Europa seine Banken prüfen will und dann in einigen Fällen entscheiden muss: Stützen oder schließen? Wie viel indes reformiert wird, wenn Europa große Hilfe ohne große Gegenleistung verspricht, sieht man an Italien: so gut wie gar nicht mehr.