Vor zehn Jahren ist der SPD ein Dachziegel namens Agenda 2010 auf den Kopf gefallen. Seither weiß sie, wo es ihr wehtut, aber nicht mehr ganz genau, wer sie eigentlich ist und wo sie hinwill. Aus der Großen Koalition unter Angela Merkel ist sie noch kleiner herausgekommen als aus Gerhard Schröders Reformpolitik. Die war gut für das Land, aber zunächst schlecht für die SPD. Nur was schlecht ist für uns, kann gut sein für das Land, lautet die schräge Lehre, die viele Genossen deshalb unbewusst aus ihren Regierungen gezogen haben. Doch das ist magisches Denken, es sollte nicht zur sozialdemokratischen Doktrin werden.Bei dieser Wahl sind alle abgestraft worden, die mehr mit sich selbst als mit den Wählern gesprochen haben: die FDP, die nie einen echten Neuanfang gewagt hat. Die Grünen, die sich über den Erfolg des bodenständigen Schwaben Winfried Kretschmann nicht freuen konnten und stattdessen auf Linkskurs gingen. Und die SPD, die ihren Kandidaten mit einem Programm gefesselt hat, das innerparteiliche Machtverhältnisse austarieren und sozialdemokratische Behaglichkeit erzeugen sollte.

Das stärkste Argument gegen eine Große Koalition ist deshalb auch das schwächste: Die SPD sei aus dem letzten schwarz-roten Bündnis unverdient schlecht herausgekommen und "kleingemacht" worden. Es ist ein Argument, das nur für die SPD Gültigkeit hat, nicht aber für die Mehrheit an Wählern, die sich ein solches Bündnis vor allen anderen wünscht.

Nicht 2013 ist das Jahr, auf das die Bundesländer schauen, sondern 2019

Es ist auch ein Argument, das nicht zu den Aufgaben passt, die jede Regierung zu meistern haben wird. Nicht 2013 ist das Datum, auf das die Bundesländer am meisten schauen, sondern 2019. Dann gilt die Schuldenbremse, die für die Länder härter ausfällt als für den Bund. Sie dürfen gar keine neuen Schulden mehr machen. Bis dahin müssen die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern neu verhandelt werden. Will man Ernst machen mit dem Versprechen, mehr für den Ausbau von Ganztagsschulen und Bildung generell zu tun, muss auch das sogenannte Kooperationsverbot fallen, das dem Bund verbietet, in den Ländern Geld auszugeben.

Nicht nur aus taktischen, sondern auch aus inhaltlichen Gründen wird den Ländern also in den nächsten Jahren eine bedeutende Rolle zukommen. Der Bundesrat aber ist rot dominiert, die SPD also in jeder Regierungskoalition ein wichtiger Mitspieler. In der Großen Koalition muss sie dieses Gewicht konstruktiv einsetzen.

Das gilt auch für das vielleicht wichtigste Thema, Europa. Im Ausland ist die Wahl in Deutschland deshalb wie kaum eine zuvor beobachtet worden, weil sich schlicht nichts mehr getan hat in Europa. Deutschland, das wichtigste Land, war zu sehr mit sich beschäftigt. Dabei gibt es einiges zu tun: Die Bankenunion muss vorangebracht, weitere Hilfs- und Wachstumspakete müssen geschnürt werden. Vor allem aber steht die Frage im Raum: Was für ein Europa wollen wir? Es wäre gut, wenn an der Antwort eine breite Mehrheit beteiligt wäre.

Das sind die Aufgaben, die ohnehin anstehen. Eine Große Koalition könnte sich aber auch etwas vornehmen: die Demografie, also die Bevölkerungsentwicklung mit ihrer zunehmenden Alterung der Gesellschaft, von einem sperrigen Unwort zu einem Zukunftsprojekt zu machen. Mit einer echten Pflegereform. Indem man Migranten mit hinzudenkt und Frauen. Indem man Familienpolitik nicht nur als finanziellen Entschädigungsprozess betrachtet, sondern da ansetzt, wo sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vielfach entscheidet: am Arbeitsplatz.

Die SPD ist mit 25 Prozent weit davon entfernt, als Partner auf Augenhöhe in ein solches Bündnis zu gehen, das ist wahr. Groß an dieser Koalition ist erst einmal die Kanzlerin mit ihren 41,5 Prozent. Doch höher hinauf dürfte es für Merkel nicht gehen, es ist ihre dritte und vermutlich letzte Amtszeit.

In die letzte Koalition ist die SPD fast auf Augenhöhe gestartet. Kleingemacht hat sie sich auch selbst. Mit ihrem Gerede, man schufte im Maschinenraum, während sich die CDU auf dem Oberdeck sonne, mit dem schlechten Gewissen über die eigenen Erfolge. Das passte schlecht zum Selbstbild als stolzeste Partei.

Für die SPD kann die Juniorpartnerschaft eine Chance sein. Denn das ist eine weitere Botschaft der Wahl: Linker wird’s nicht. Die Mitte in Deutschland ist ziemlich genau da, wo sich die Union unter Merkel hinbewegt hat. Jede Bewegung weiter nach links ist für die CDU gefährlich, das zeigt der Erfolg der AfD. Der SPD gibt das wieder mehr Raum in der Mitte. Denn linker kann es für die Sozialdemokraten auch nicht werden, wenn sie Volkspartei bleiben will. Sigmar Gabriels Strategie ist mit einem Wahlergebnis von 25 Prozent aus der Opposition heraus an ihre Grenze gekommen: Er wollte die Agenda 2010 sanft schleifen, ein wenig nach links rücken und damit die Linkspartei überflüssig machen. Das hat nicht geklappt.

25 Prozent sind zu wenig für eine Volkspartei, aber bei Weitem zu viel, um sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen oder sich gar zu verweigern. Mit ihren über 50 Prozent im Bundesrat kann die SPD eine neue, konstruktive Rolle finden, sie kann sich großmachen. Was gut fürs Land ist, kann auch gut für die SPD sein.