Im September 1983 stellte Martin Cooper, ein Ingenieur des amerikanischen Telekommunikationsunternehmens Motorola, das erste serienreife Mobiltelefon vor: Das Dynatac 8000x, auch Knochen genannt, war ein riesenhaftes kantiges Gebilde aus grauem Plastik. Es wog 800 Gramm, also siebenmal so viel wie das neueste iPhone, und ermöglichte kabelloses Telefonieren für die Dauer von 30 Minuten. Unsere räumliche Orientierung und ständige Erreichbarkeit, auch die Möglichkeit allgegenwärtiger Wissensbeschaffung – unser ganzes "in der Welt sein" haben sich seither revolutioniert. Dabei sind die Effekte des Handys ambivalent: Es verspricht die Befreiung in die Ortlosigkeit und setzt den Menschen im Gegenzug überall dort fest, wo er sich gerade befindet. Es ist auch eine elektronische Fußfessel.

"Jetzt", so beschrieb Umberto Eco einmal die frivole Verlockung des Geräts, "haben die Ehebrecher zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit zum Empfang von Botschaften ihrer geheimen Partner, ohne dass Familienmitglieder ... den Anruf abfangen können." Andererseits: Unbeantwortete Anrufe oder ignorierte SMS wecken unweigerlich das Misstrauen des Partners am anderen Ende einer Leitung, die nur um den Preis des sofortigen Verdachts eines zumindest geplanten Verbrechens gekappt werden kann. Mit Smartphones ist es dank GPS heute technisch möglich, den Standort von anderen genau zu bestimmen. Neue Eheverträge, die auf solcher gegenseitiger Überwachung fußen, sind seit der Anbindung des Handys ans Internet denkbar geworden. Ein Grund zur Sorge? Zumindest nicht für den französischen Ethnologen Michel Serres. Sein dieser Tage erscheinender Essay Erfindet Euch selbst! (edition Suhrkamp, 69 S., 8,– €) ist eine "Liebeserklärung an die vernetzte Generation". Serres erinnert darin an den Pariser Bischof Dionysius, dem zu Zeiten Domitians der Kopf abgeschlagen worden war, woraufhin er einer Legende zufolge diesen nach Art eines Untoten in die Hand genommen haben soll, um seinen Weg auf den Montmartre fortzusetzen. "Unser intelligenter Kopf", sagt Serres vergleichend, "ist aus unserem knochenbewehrten neuronalen Kopf herausgetreten. Die Kognitionsbüchse in unseren Händen enthält und hält in der Tat am Laufen, was wir einst unsere ›Vermögen‹ nannten. Ein Gedächtnis, tausendmal leistungsfähiger als das unsere, eine von Millionen und Abermillionen Ikonen bevölkerte Einbildungskraft. Unser Kopf liegt vor uns, in der objektivierten Kognitionsbüchse." So weit also ist es innerhalb von 30 Jahren, der Dauer einer einzigen Menschengeneration, mit dem Handy und mit uns gekommen. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.