Um fünf vor zwölf beginnen sie sich abzuseilen. Ein Dutzend mutiger Mitarbeiter baumelt in schwindelerregender Höhe vor der Fassade des Anhaltischen Theaters. Jeder hat ein dickes Tau dabei – denn heute wollen die Dessauer Pflöcke einschlagen. Um das Bühnenhaus fest in ihrer Stadt zu verankern. 2000 Sympathisanten sind gekommen, Intendant André Bücker hält eine flammende Rede.

Die Landesregierung Sachsen-Anhalt plant, ihren Zuschuss für Dessau um drei Millionen Euro zu kürzen. Und zwar schon zum 1. Januar 2014. Den Kollegen vom Theater Halle an der Saale soll es ebenso ergehen. Und in Eisleben, der Geburts- und Sterbestadt Martin Luthers, wird die Landesbühne mittelfristig ganz dichtgemacht, mitten in den Vorbereitungen zum 500. Reformationsjubiläum 2017. Gerade erst hat Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, CDU, 14 Monate lang einen 36-köpfigen "Kulturkonvent" beschäftigt. Der empfahl in seinem Abschlussbericht, den Jahresetat für Kultur deutlich aufzustocken. Kurz darauf beschloss die Landesregierung, ihre Theaterzuschüsse von insgesamt 36 auf 29 Millionen Euro jährlich zu senken.

Intendant André Bücker spricht von "Hartleibigkeit" und "Ignoranz" der Politik: "Das sind Maßnahmen, die das Land ruinieren." Wer Dessau ein bisschen kennt, weiß, was er damit meint. Schrumpfender lässt sich eine Stadt kaum vorstellen, es fehlt an Kaufkraft wie an Investitionen, wer kann, zieht weg oder pendelt wenigstens. Als 2005 das Umweltbundesamt von Berlin nach Dessau zog, wurde das Dienstgebäude nicht zufällig direkt am Bahnhof errichtet. Außer dem Bauhaus ist das Theater die einzige Attraktion hier.

Offiziell will der Ministerpräsident nur gerecht sein. Künftig sollen alle Theater nach demselben Schlüssel unterstützt werden, berechnet pro Kopf. Richtschnur ist dabei die Landeshauptstadt Magdeburg. Deren Zuschuss bleibt konstant, in Halle hingegen sinkt er von 11,9 auf 9,05 Millionen, Und Dessau bleiben von 8,13 Millionen nur noch 5,2 Millionen – obwohl dort eine der größten Bühnen der Bundesrepublik zu bespielen ist, seit der "Führer" 1938 den Dessauern ein überdimensioniertes Haus mit 1000 Plätzen im monumentalen Nazistil "schenkte". Hier kann man gar nichts anderes als richtig große Oper spielen. 

Gerade ist der Ring des Nibelungen in Arbeit, die deutsche Erstaufführung der Spektakeloper Esclarmonde von Jules Massenet lockte im Frühsommer viele überregionale Besucher an. In der vergangenen Saison, der 218. in der Geschichte des Hauses, kamen insgesamt 180.000 Zuschauer. Ein beachtliches Ergebnis bei knapp 90.000 Einwohnern.

Theater am Limit

"Stephan Dorgerloh benimmt sich nicht wie ein Kulturminister, sondern wie ein Staatssekretär im Finanzministerium", schimpft Intendant Bücker. Statt für die Bühnen zu kämpfen, unterwirft sich der SPD-Mann dem allgemeinen Spardiktat. Dabei macht der Kulturetat gerade einmal 0,86 Prozent im sachsen-anhaltischen Landesetat aus. Jede hier gekappte Million dürfte insgesamt also kaum spürbar sein, hat aber vor Ort massive Auswirkungen.    

Alle Theater arbeiten längst am Limit. Seit zehn Jahren gilt am Dessauer Theater ein Haustarifvertrag, der den Mitarbeitern einen Gehaltsverzicht in Höhe von insgesamt 1,8 Millionen Euro abfordert. Und die Gagen in der Provinz sind nicht üppig. Anfängern, auch Schauspielprotagonisten und Opernsolisten, stehen monatlich gerade einmal 1650 Euro brutto zu.

Pikanterweise verkündete der Ministerpräsident wenige Wochen nach Bekanntwerden der Theater-Kürzungspläne, dass für ein neues Bauhaus-Museum in Dessau 12,5 Millionen Euro zur Verfügung stehen. "Unglücklich" nannte diese terminliche Koinzidenz nicht etwa Stephan Dorgerloh. Die Rolle des Kämpfers für Dessau, Halle und Eisleben musste Kulturstaatsminister Bernd Neumann persönlich übernehmen. Der ließ aus Berlin verlauten: "Theater zu schließen und Erweiterungsbauten zu planen – das passt nicht zusammen. Das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, das wäre verantwortungsbewusste Kulturpolitik." Wie sollen denn noch Investoren ins selbst ernannte "Land der Frühaufsteher" gelockt werden, wenn mit den Bühnen die letzten Zentren des geistigen Austauschs krepiert sind?

In Halle an der Saale, wo das Theater als GmbH organisiert ist, droht die Insolvenz, falls Haseloff seine Pläne durchboxt. Das Anhaltische Theater Dessau wiederum wird als Eigenbetrieb geführt, also müsste die Kommune einspringen, wenn das Land Geld abzieht. Die aber engagiert sich bereits bis an die Schmerzgrenze, mit acht Millionen jährlich. Dreimal hintereinander gab es in der Stadtverordnetenversammlung bislang einstimmige Beschlüsse zum Erhalt des Theaters.