Geschwächt, tief verunsichert, angeschlagen", mit diesen Worten beschreibt eine führende Grüne den Zustand ihrer Partei nach der Niederlage. In den Tagen der Nach-Wahl-Depression machen trübe historische Reminiszenzen die Runde: an das Jahr 1990, als die Partei aus linkem Trotz die Einheitsdebatte ausblendete und daraufhin den Einzug in den Bundestag verpasste. Oder an das Jahr 1998, als die Grünen mit provokativer Dummheit (Stichwort: fünf Mark pro Liter Benzin) ihre Wahlchancen und den Machtwechsel aufs Spiel setzten. Damals landeten sie mit einem schwachen Ergebnis und viel Glück in der ersten rot-grünen Bundesregierung. Dieses Mal stehen sie desorientiert vor einem katastrophalen Wahlergebnis.

Es erzwingt gerade den größten personellen Umbruch in der Geschichte der Grünen. Dass sich währenddessen eine ziemlich erfolgreiche Kanzlerin um die Partei als potenziellen Koalitionspartner zu bemühen beginnt, dringt zu den Grünen bislang noch gar nicht durch. Sie wirken wie betäubt.

Noch vor einem Jahr wurde über die Perspektive einer "grünen Volkspartei" debattiert. Von heute aus betrachtet, klingt das ein bisschen absurd. Was ist geschehen? Warum ist die Partei, der die Umfrageinstitute ein Wählerpotenzial von 40 Prozent zutrauen, am 22. September 2013 bei 8,4 Prozent gelandet?

Angesichts der jetzt einsetzenden Rücktrittswelle drängt sich die Vermutung auf, dass die Niederlage der Grünen zuerst etwas mit ihrer personellen Aufstellung zu tun hatte: vorweg mit dem Spitzenkandidaten Jürgen Trittin. Über zwei Jahrzehnte spielte er die wichtigste Rolle auf dem linken Parteiflügel. Und mit Joschka Fischers Ausscheiden 2005 wurde er die zentrale Führungsfigur der Partei. In seinem Aufstieg spiegelte sich zugleich der Niedergang des realpolitischen Flügels, der ihn um ein Haar sogar zum alleinigen Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gemacht hätte. Doch bis in seine Wahlanalyse der letzten Tage hinein hat Trittin nie versucht, sich als der integrale Grüne für die Gesamtpartei zu präsentieren. Er blieb seiner linken Herkunft und Perspektive verpflichtet.

Links und leicht technokratisch – das war der Wahlkampf

So war es kein Zufall, dass die erfolglose grüne Wahlkampagne von einem dezidiert linken Programm und einer leicht technokratischen Anmutung geprägt war. Nie war Jürgen Trittin dominanter als in seiner letzten Schlüsselfunktion für die Partei. Seiner Partnerin im Spitzenduo, Katrin Göring-Eckardt, gelang es nicht, ihn auszubalancieren und das grüne Spektrum breiter auszuleuchten. Stattdessen gab sie der linken grünen Sozialpolitik ihre Stimme. Eigentlich sollte das ungleiche Spitzenduo Trittin/Göring-Eckardt das ganze Potenzial der Grünen auch personell zum Ausdruck zu bringen. Doch im Wahlkampf präsentierten sie sich links und homogen.

Dem folgt nun der Rückzugsreigen einer ganzen grünen Führungsgeneration: Am Dienstag, bei der gemeinsamen Sitzung von alter und neuer Fraktion, erklärte Trittin sein Ausscheiden aus der Fraktionsführung. Renate Künast, die zweite Vorsitzende, hatte schon nach ihrer Niederlage bei der Urabstimmung über die Spitzenkandidatur intern ihren Rückzug angekündigt. Nun ist er offiziell. Und auch die dritte im Bunde der Altvorderen, Parteichefin Claudia Roth, wird nicht mehr für den Parteivorsitz kandidieren. Auf dem Parteitag im November wird der komplette Bundesvorstand sowie der Parteirat neu gewählt.

Trittin zieht die Konsequenzen aus dem Wahldebakel. Dabei atmet seine Analyse der Niederlage noch ganz den Geist der Kampagne, die sie herbeigeführt hat. Die Grünen, so Trittin, hätten die Stimmung in der Gesellschaft für mehr Gerechtigkeit und ökologischen Umbau falsch eingeschätzt. So konnten sie mit ihrer inhaltlichen Botschaft nicht durchdringen. "Es gibt eine konservative Mehrheit", lautet die Pointe des scheidenden Spitzengrünen. Das Land, so muss man das lesen, war eben noch nicht bereit, sich auf die fortschrittlichen Ideen der Grünen einzulassen.

Diese Einschätzung passt zu einer Wahlkampagne, in der sich die Grünen vor allem als linke Kraft in einem problemgebeutelten Land inszenierten. Nachhaltigkeit als Querschnittsperspektive, die ökologischen Kernthemen, der Dialog mit der Wirtschaft, die als Partner einer gelingenden Energiewende unverzichtbar bleibt – nichts davon vermittelten die Grünen im Wahljahr. Während Union und FDP das gesamte programmatische Spektrum, von neoliberal bis sozialdemokratisch, bespielten, präsentierten sich die Grünen bei den Wählern nur als blassgrüne Variante in einem linken Parteientrio. Und während Merkel mit der deutschen Erfolgsgeschichte des vergangenen Jahrzehnts werben durfte, praktizierten die Grünen eine Art Verelendungsdiskurs.

Wollte man die triste Kampagne parteipsychologisch deuten, dann war sie das Dementi zum Modell Baden-Württemberg, wo vor zweieinhalb Jahren mit Winfried Kretschmann ein Grüner zum Ministerpräsidenten gewählt worden war. Zieht man die spezifischen Umstände nach der Atomkatastrophe in Japan ab, so gewannen die Grünen im prosperierenden, industriellen Kernland der Republik, weil sie den ökologischen Umbau als ökonomisch interessantes Projekt propagierten und weil sie nach drei Jahrzehnten mit ihren Themen und ihrem Habitus in der Mitte der Gesellschaft angekommen waren.

Aus diesem Erfolg, der wenig später noch durch die Wahl eines Grünen zum Stuttgarter Oberbürgermeister unterstrichen wurde, entwickelte sich die Debatte über die "grüne Volkspartei". Plötzlich schien es denkbar, dass eine Partei, die einst mit wenigen emanzipatorischen Themen und dezidiert oppositionellem Impetus gegründet worden war, künftig die Bedürfnisse, Erwartungen und Haltungen eines breiten gesellschaftlichen Querschnitts ausdrücken und vertreten könnte.

Die Mitte der Gesellschaft ist den Grünen fremd

Über diese Perspektive müssen die Grünen ziemlich erschrocken sein. Jedenfalls lässt sich ihr Verhalten im Wahljahr so deuten. Der Erfolg im Südwesten und die Furcht vor der eigenen "Verbürgerlichung" haben bei den Grünen einen Anfall politisch-habitueller Regression verursacht, der weit über die Führung hinausreichte. Auf dem Weg zur Volkspartei machten sich plötzlich die starken grünen Gene bemerkbar. Dass sich die Grünen gegen die Mehrheitsgesellschaft gegründet hatten, dass sie sich als Anti-Parteien-Partei verstand, dass der gesellschaftliche Mainstream ihr suspekt und das Land, in dem sie agierte, nicht ganz geheuer war, all das wurde plötzlich wieder dominant. Und so zog die Partei in einen Wahlkampf, in dem sie mit Steuererhöhungen und grünen Erziehungsimpulsen schlechte Laune verbreitete. Damit wehrte sie sich, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.

Noch Trittins Diktum von der "konservativen Mehrheit" im Land passt in dieses Weltbild. Es verortet die Grünen links und oppositionell. Der so angesprochene Wähler hat den Grünen die entsprechende Antwort gegeben. Sie sind reduziert auf jene Größenordnung, die die Partei auch schon in ihrem Gründungsjahrzehnt für sich mobilisieren konnte. Während ihre Vorstellungen weit in die Lebenswelt der Deutschen eingesickert sind, ist es den Grünen wieder einmal spektakulär misslungen, ihre gesellschaftliche Verankerung in Zustimmung und politische Macht zu verwandeln.

Das muss nun eine neue Führungsriege leisten. Sie muss die Niederlage aufarbeiten und die Grünen aus dem Korsett ihrer Zwangsvorstellungen befreien. Zukunft haben die Grünen nicht länger als linke Oppositions-, sondern als ökologische Gestaltungspartei. Auf dem Berliner Parkett sind die Personen noch gar nicht erkennbar, die diesen Prozess begleiten können.Aber es ist ein Signal, wenn jetzt Landesgrüne wie der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck sich für ein Amt in der Führung bewerben.

Doch noch bestimmt der Schock der Niederlage und das plötzliche Führungsvakuum die Situation. Der Abgang derjenigen, die die Grünen die längste Zeit ihrer Geschichte über geprägt haben, stürzt die Partei erst einmal in die Orientierungskrise.

Deshalb gibt es derzeit auch keine Stimmen bei den Grünen, die sich für die Beteiligung an einer schwarz-grünen Bundesregierung aussprechen. Niemand scheint die Verlockung zu spüren, sich auf ein schwarz-grünes Abenteuer einzulassen. Umbruch und Neuorientierung absorbieren die Kräfte. Und man wüsste ja auch nicht, wer heute die Autorität hätte, den grünen Parteitag von einer schwarz-grünen Perspektive zu überzeugen: jetzt, nachdem Jürgen Trittin seinen Abschied verkündet hat.