ZEIT: Finden Sie, die Autoren des jüngsten Berichts zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen haben bisher einen guten Job gemacht?

von Storch: Nach allem, was ich höre und lese, erwarte ich von der Arbeitsgruppe 1 ein ordentliches Stück Arbeit.

ZEIT: Seine Sachstandsberichte veröffentlicht der Weltklimarat im Takt von sechs Jahren, umfangreich und abgeschlossen. Halten Sie das noch für zeitgemäß?

von Storch: Nur bedingt. Jene Aspekte, die globale Bedeutung haben, sollten auch global behandelt werden. Das gilt für die meisten Inhalte der Arbeitsgruppe 1. Wenn wir uns aber Arbeitsgruppe 2 ansehen ...

ZEIT: ... die Arbeitsgruppe zu Auswirkungen, Anpassungen und Verwundbarkeit, der Sie selbst angehören ...

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von Storch: ... wo es um regionale Aspekte geht, würde ich dezentrale Regionalberichte vorziehen. Ein Vorbild dafür könnte der Ostseebericht BACC sein, in dem Forscher der beteiligten Länder sichten: Was wissen wir? Wo besteht Konsens? Und insbesondere, wo herrscht noch Uneinigkeit? Meinetwegen könnte der Weltklimarat das ja zertifizieren. Dann würden auch Fachartikel Eingang finden, die in Litauisch geschrieben sind, in Dänisch oder in anderen sogenannten kleinen Sprachen.

ZEIT: Wären Sie auch für kürzere zeitliche Abstände zwischen den Berichten?

von Storch: Nein, das würde zu Hektik führen und wäre zu sehr von den neuesten Resultaten getrieben. Die neuesten sind ja nicht immer die besten, sondern eben nur die neuesten – und die am wenigsten überprüften.

ZEIT: Vor drei Jahren hatten Sie Vorschläge für eine Reform des IPCC gemacht. Das Ziel war, den Einfluss von Umweltschützern und anderen Verbänden einzudämmen. Es ging um den Umgang mit Interessenkonflikten und Fehlern. Wurde das umgesetzt?

von Storch: Nein, aber warum sollen die ausgerechnet auf mich hören? Mir ist immer noch kein IPCC-Gremium bekannt, das unabhängig Behauptungen überprüft, es gebe Fehler im Bericht. Und man prüft zwar, ob Autoren Fremdinteressen vertreten könnten, aber nur, indem man fragt: Wirst du von jemandem bezahlt? Also mit Geld. Nicht aber in der Währung jenes guten Gefühls, zu den richtigen und guten Weltrettern zu gehören.

ZEIT: Und wie sollte man das erfassen?

von Storch: Indem man abfragt, wer aktiv in Umweltorganisationen arbeitet. Es gibt da eine merkwürdige, schiefe Sicht darauf, was Interessenkonflikte sind und was nicht.

ZEIT: Die Berichte werden immer umfassender. Die letzte Entwurfsfassung der Arbeitsgruppe 1 war mehr als 2.000 Seiten lang. Da kann man doch zu Recht erwarten, dass mit dieser Zunahme an Wissen auch die Gewissheit wächst. In manchen Punkten ist aber das Gegenteil der Fall – weshalb?

von Storch: Unsicherheit entsteht maßgeblich dadurch, dass wir immer mehr Faktoren des Erdsystems berücksichtigen. So bekommt es immer mehr Freiheitsgrade. Wenn jemand glaubt, indem er die Vegetation in sein Klimamodell einbaue, würden seine Ergebnisse sicherer, dann irrt er. Er lernt vielleicht, welche Rolle die Vegetation spielt. Aber die Simulation der Pflanzen selbst und ihrer Wechselwirkungen mit der Umwelt erhöht auch die Ungenauigkeiten.