Kein Mensch zwischen Waterkant und Alpen verkörpert den deutschen Zeitgeist besser als Angela Merkel, und deshalb hat Kohls einstiges "Mädchen" am Sonntag den Höhepunkt ihrer Karriere genießen können. Auch im Triumph war sie ganz Merkel: keine hochgerissenen Arme, kein Victory-Zeichen – bloß ein leises spitzbübisches Lächeln um die Lippen. Nur Konrad "Keine Experimente" Adenauer war einen Tick besser, hat er doch 1957 für die Union die einzige absolute Mehrheit in der bundesrepublikanischen Geschichte geholt.

"Keine Experimente" war auch in diesem Wahlkampf das (ungeschriebene) Motto von Adenauers Urenkelin. Keine Zumutungen, keine Verheißungen und schon gar keine Abenteuer. Höhere Steuern, volkspädagogische Belehrungen überließ sie Rot und Grün, und die haben damit, wie Merkel richtig kalkuliert hat, Stimmen abgestoßen. Die AfD war den Deutschen zu brenzlig, die FDP zeigte bloß eine leere Bühne. Die Kanzlerin aber zeigte Befindlichkeit: Ich bin so, wie ihr mich wollt – wie ihr seid. Ich bin die Ruhe, die Berechenbarkeit, die Kompetenz, die Steuerfrau, die das Ruder allenfalls um zwei, drei Grad nach rechts oder links dreht. Meine einzige Unbesonnenheit, die "Energiewende", kriegen wir schon wieder hin.

Die Götter haben ihr dazu ein Parlament geschenkt, nach dem man in der Demokratiegeschichte lange suchen muss. Vier Parteien, aber ein einziger Konsens – nennen wir ihn ruhig "sozialdemokratisch". Fließend sind die Übergänge von Schwarz nach Tiefrot, zumal zwischen Union und SPD mit zwei Dritteln der Sitze. Grün und Ganzrot rütteln nicht am Konsens; sie bedienen bloß eine kleinere Klientel.

Es geht nicht um Prinzipielles, sondern nur um den Preis des für- und vorsorgenden Sozialstaates: um die Höhe von Mindestlohn, Kindergeld, Steuern, Sozialhilfe, Euro-Haftung und Regulierung. Die FDP, theoretisch die Stimme des klassischen Liberalismus, ist draußen – selbstverschuldet in ihrer Ideen- und Führungslosigkeit. Die AfD, das Experiment mit einer respektablen Rechts-von-der-Union-Partei, ist knapp gescheitert. Lieb Vaterland, darfst ruhig sein. Der Streit, das Lebenselixier des Parlamentarismus, darf jetzt noch lustvoller, wenn auch simuliert, in den Talkshows ausgetragen werden. Oder die "Wutbürger" haben gelegentlich das unbedachte Wort.

Potentatin und Parlament sind jetzt praktisch eins – perfekt für das Lebensgefühl, nicht so ergreifend mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit einer Nation, welche sich die "Verschweizerung" nicht leisten kann. Die Ironie will es, dass dieses Land am liebsten kleiner wäre, obwohl es immer größer, stärker und mächtiger wird. Selbst in der fälschlich so genannten Adenauer-Restauration ging es im Bundestag lebhafter zu, vom Reichstag im autoritären Wilhelminien ganz zu schweigen.

Natürlich braucht dieses Land keine polarisierten Parteien wie in Amerika, keine ineinander verkeilten Interessengruppen wie in Frankreich und Italien. Es geht diesem Land "gold", wie der Volksmund sagt, aber den Status quo bloß zu polieren erhält ihn nicht – nicht in einer Welt, die sich schneller dreht als unser Bewusstsein. Merkels Programm im TV-Duell-Schlusswort lautete: "Wir hatten vier gute Jahre." Die Diagnose stimmt. Aber ein geflügeltes amerikanisches Wort besagt: Nothing fails like success – nichts scheitert schneller als der Erfolg.