Lauter kleine Seltsamkeiten: Eine Frau besichtigt im Geschäft die hochklassige Kaffeemaschine, die ihr Mann sich so sehr wünscht, und merkt, wie unangenehm ihr die Anwesenheit der Kaffeemaschine samt beständigem Kaffeegeruch in der Wohnung wäre. Ein Mann richtet sein Leben danach aus, niemals im Schatten zu stehen oder durch Schattenflächen zu laufen. Eine Angestellte strebt danach, so unsichtbar zu sein, dass niemand sich je an sie erinnert. Eine Kaninchenbesitzerin erdrückt ihr geliebtes Kaninchen, um es vor den tausend Gefahren in Schutz zu nehmen, die einem Kaninchenleben drohen. Ein Schluck Milch entwickelt sich in der Fantasie der Milchtrinkerin zum Milchtsunami, der sie von Kopf bis Fuß zu überfluten droht.

Lauter kleine Geschichten aus dem großen Gebiet der Ängste, Zwänge und Idiosynkrasien, die Annette Pehnt hier versammelt und auf witzige Weise in die Ordnung des Alphabets bringt: Von A wie Aal bis Z wie Zirpen. Unter T wie Tarnung findet sich die unsichtbare Angestellte, unter F wie Freigang die daueralarmierte Kaninchenbesitzerin, unter M wie Morgenlicht der Schattenvermeider.

Und mittendrin, wie eingeschmuggelt ins Kuriositätenkabinett der Neurosen und Marotten, taucht bei K wie Kooperation eine der frühesten und schlimmsten unserer Ängste auf: Die des Kindes vor dem Tod. Nacht für Nacht liegt es im Dunkeln, erwartet den Eintritt des Sensenmanns, den es sich als schmale Gestalt ganz konkret ausmalt. Statt Schutz bietet die Mutter einen Termin beim Schulpsychologen an, bei dem das Kind aber nicht kooperiert, wie es soll, weil sich unter den Holzfigürchen, die der Psychologe auf den Tisch stellt, keines findet, das dem Tod gleicht.

Annette Pehnt, die sich mit einer Reihe von Romanen wie Mobbing und zuletzt Chronik der Nähe aus dem Jahr 2012 als luzide Beobachterin der deutschen Gegenwartsgesellschaft und empfindsame Phänomenologin des alltagsnahen Geschehens erwies – darin dem Schriftsteller Wilhelm Genazino von fern verwandt –, begibt sich in ihrem neuen Buch auf die Spuren jener schönen, im frühen 19. Jahrhundert kultivierten, minimalistischen Prosaformen, die vom Romanehrgeiz der derzeitigen Belletristik fast verdrängt wurden: die Kurznovelle und die Kalendergeschichte. Der Gefahr, die diese Formen mit sich bringen können, die Ausdünnung im allzu putzig Skurrilen, erliegt Annette Pehnt nur an wenigen Stellen.

Keiner der Texte, die sie in diesem Lexikon der Angst zu einem losen Reigen fügt, ist länger als zwei, drei Seiten. Gerade darin aber, im Reduzierten und Beiläufigen, liegt die Pointe des Buches. Es unterläuft den wuchtigen Begriff von der Angstepoche, in der wir angeblich leben, es lässt die aktuellen und globalen Riesenängste konsequent aus. Und es überbietet den Begriff zugleich. Es zeigt, wie Ängste in die unauffälligsten Nischen des Alltagslebens einwandern, wie sie zu selbstverständlichen Begleitern werden.

Annette Pehnt unterscheidet dabei nicht zwischen vermeintlich irrationaler und rationaler Angst. Der Mann, der sich höchst konkret ausmalt, was bei einer Fahrt auf der Autobahn alles passieren kann, und der deshalb, obwohl ihn die Kollegin reizt, ihre Einladung ausschlägt und lieber mit dem Zug fährt, scheint ein weltfremder Sonderling zu sein. Genau betrachtet, ist er vernunftbegabter Realist. Die Unfallstatistik belegt, dass eine Karambolage bei 180 Stundenkilometern kaum zu überleben ist. Im ICE sitzt es sich sicherer.