Die hellgrüne Maschine presst von oben und unten mit 50 Tonnen Druck den schwarzen PVC-Klumpen zwischen zwei Matrizen, 25 Sekunden lang bei 135 Grad, der überstehende Rand wird abgeschnitten – und dann liegt es da vor uns, das edle Objekt der Begierde für immer mehr Hörfanatiker weltweit: die Vinylschallplatte. 

Hier in Röbel an der Müritz, eine Stunde nördlich von Berlin, wird das schwarze Gold bei der Firma "optimal" hergestellt, 30.000 LPs können es am Tag werden, 11 Millionen im Jahr. Im Lärm der gerade neu eingeweihten Halle bestaunen wir die alten Maschinen. Der Vinylmarkt ist eine gewaltig boomende Nische: 40 Prozent Absatzsteigerung, 36 Prozent Umsatzplus in Deutschland 2012; die DJ-Culture bleibt darauf ebenso fixiert wie neuerdings wieder jede ambitionierte Popband. Vinyl ist auch ein Distinktionsmerkmal gegenüber dem Massengeschmack. Jahrzehntelang hatte die Schallplatte die Hörer erfreut, bis ihr Ende der achtziger Jahre von der CD der Garaus gemacht wurde. Doch Totgesagte leben länger.

In Röbel gilt das auch für die Maschinen: Reaktivierte Oldies, für den Boom hektisch zusammengesammelt aus aller Welt, lärmen hier unverwüstlich. 4,4 Millionen Platten verkündet der Zähler an der drei Jahrzehnte alten Toolex-Alpha aus schwedischer Produktion, deren kyrillische Buchstaben die letzte Heimat des grünen Monsters verraten: die russische Schallplattenfirma Melodiya.

Vom Schrottfriedhof gerettet, erlebt es nun seine Wiederauferstehung, gemeinsam mit vielen Artgenossen; die Nachfrage ist so groß, dass sogar das Deutsche Technikmuseum zwei wacker schuftende Maschinen vom Jahrgang 1953/54 hierher verliehen hat. Nebenan rumort tadellos eine der letzten vier Plattencovermaschinen weltweit der Firma Winkler + Dünnebier aus Neuwied, ebenfalls über dreißig Jahre alt und von einem pensionierten Konstrukteur wiederaufgebaut.

All das ist ein erhabener Anblick, nicht nur für Technikfreaks, Nostalgiker und Reaktionäre: Denn das Ausrangierte wird in diesem Museumspark urplötzlich zur Avantgarde, die quicklebendig wirkt im Vergleich zur kühl tristen CD-Fertigung in der Nachbarhalle. Und man gerät ins Philosophieren darüber, wie neu und dynamisch das angeblich Alte sein kann.

Die Seele der Worte wird hörbar

Diese Dynamik erlebt jetzt auch der Münchner Hörverlag: In Röbel produziert er das erste Vinylhörbuch seit Jahrzehnten. Ein Klassiker ist es, J. R. R. Tolkiens 1937 erschienener Hobbit in einer legendären Hörspielfassung des WDR von 1980. Das Umfeld dafür scheint nicht nur wegen des Vinylbooms günstig für dieses Experiment auf immerhin sieben Langspielplatten: Im Dezember soll der zweite Teil von Peter Jacksons Hobbit- Trilogie in die Kinos kommen. Prompt explodieren die Bestellzahlen: Kalkulierte man zunächst mit 500 LP-Kassetten, luxuriös ausgestattet und streng limitiert, liegen jetzt unglaubliche 7.000 Bestellungen vor.

Dieses Hörspiel ist ein Retro-Genuss für jeden Freund des akustischen Wortes, das von Schauspielerlegenden gesprochen wird. Die spannende Geschichte des kleinen Hobbit Mr. Bilbo Beutlin, der mit den Zwergen den Schatz vom Drachen Smaug zurückerobern will, wird von Martin Benrath mit schönem Ernst erzählt, Bilbo selbst wird von einem vorsichtigen, witzig-zähen, immer selbstbewusster klingenden Horst Bollmann gesprochen; der schreckliche Gollum, das Monster, von einem phänomenalen Jürgen von Manger, der herrlich lispelnd so komisch wie grauslig Bilbo bedroht; der Zauberer Gandalf von Bernhard Minetti und der furchterregende Smaug vom ebensolchen Benno Kusche.

Natürlich werden Hörspiele heute anders inszeniert: Aber die Konzentration auf das Werk, die Textnähe, der Wille zum Ausdruck aus dem Geist der Buchstaben, die gewissenhafte Annäherung an dieses Abenteuer der Weltliteratur passt ideal zur Patina, die der Klang von der Schallplatte mit sich bringt. Die Seele der Worte wird hörbar. Es ist daher ein großes Vergnügen, sich diese Geschichte aus uralter Zeit von schwarzen Scheiben erzählen zu lassen. Und wer dabei die Platten wendet und wechselt, vergisst rasch, wie unbequem das ist, sondern genießt das konzentrierte Ritual – auf mehr Vinylbucherlebnisse hoffend.