Doch schon jetzt sprengen Patienten mit Demenz den Betrieb in den auf Effizienz getrimmten Krankenhäusern. Wer sich bei den Teilnehmern der Studienreise umhört, bekommt Sätze zu hören wie: "Demenz – das wird uns die Abteilungen zerlegen." Oder: "Für die Krankenhäuser gibt es keine finanziellen Anreize bei solchen Fällen, das ist das Problem." Und: "Wir sind schon jetzt an der Grenze der Belastbarkeit."

Ein Krankenhausaufenthalt ist für Demenzkranke eine Krisensituation: Wieso soll ich in diesem komischen Bett bleiben? Warum will dieser fremde Mensch mir diese Spritze geben? Woher kommt all der Lärm, was machen die vielen unbekannten Menschen? Wieso bin ich hier? Das verstehen Patienten mit Demenz oft nicht. Sie finden sich in der fremden und hektischen Umgebung eines Krankenhauses nicht zurecht. Sie reagieren verwirrt oder verängstigt und sind darüber nicht selten so verzweifelt, dass sie versuchen, die Klinik auf eigene Faust zu verlassen. Sie erleiden häufiger Delirien, sie können weder ihre Schmerzen noch ihre Wünsche artikulieren und haben Probleme beim Essen und Trinken.

Oft wird eine Demenz bei der Einlieferung noch nicht einmal erkannt. Wer leicht dement mit einem Knochenbruch oder sogar nur einer Blasenentzündung in einem Krankenhaus landet, kann innerhalb weniger Tage geistig massiv abbauen. Bleibt etwa das Essen unberührt, weil der Patient nicht weiß, wie er die Portionspackung öffnen soll, wird es in der Hektik manchmal einfach wieder abgeräumt. Ein großes Problem ist der chronische Mangel an Pflegekräften: Für intensive Betreuung, Gespräche oder gar Spazierengehen bleibt in Krankenhäusern schlichtweg keine Zeit.

Reagieren Betroffene auf die fremde Situation handgreiflich, kann es vorkommen, dass sie sediert oder sogar fixiert werden, damit der Stationsalltag nicht durcheinandergebracht wird. Dadurch verschlechtert sich ihr Zustand drastisch. Einer Studie in deutschen Krankenhäusern zufolge bleiben demenzkranke Patienten durchschnittlich mehr als doppelt so lange im Krankenhaus wie Patienten ohne Demenz, sie werden nach dem Aufenthalt öfter in Pflegeheime oder Psychiatrien eingewiesen, anstatt nach Hause geschickt zu werden.

Was können Krankenhäuser dagegen tun? Der erste, wichtigste Schritt, sagt Bernadette Klapper, sei es, die Haltung gegenüber Patienten mit Demenz zu ändern. "In Deutschland hat man sich lange nicht der Bedürfnisse dieser Patienten angenommen. Sie galten einfach als alt und verwirrt. Als Problem." Doch in vielen Krankenhäusern ändere sich diese Haltung mittlerweile: "Sie arbeiten inzwischen aktiv daran, auch diese Patienten angemessen zu versorgen."

Einige der Probleme, das lernten die Gäste in Stirling in einem Vortrag von Mary Marshall, lassen sich mit verschiedenen, oft kleinteiligen Designanpassungen lösen – am besten in einer eigens dafür eingerichteten Demenzstation. Mary Marshall war Initiatorin und bis zu ihrer Pensionierung langjährige Direktorin des DSDC. Sie gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Demenzpflege.

Für Menschen mit Demenz ist die Welt wegen Schädigungen in Hirn und Auge oft dunkel und vernebelt. Helleres Licht in den Räumen beruhige Demenzkranke oft mehr als Medikamente, sagt Marshall. Weil Menschen mit Demenz sich in einer fremden Umgebung schlecht orientieren können, sollen starke Kontraste sie führen: Knallrot sind die Tür zum WC, die Kloschüssel und die Handläufe. Die Wahrnehmung roter Farbe verlieren Demenzkranke als letzte. Dafür sind Türen, die nicht benutzt werden sollen, farblich möglichst unauffällig.

Auch der Bodenbelag sollte einheitlich sein, damit Patienten mit geschwächter Tiefenwahrnehmung die Kontraste nicht als Treppenstufen missverstehen – und so womöglich stürzen. Familiäre Objekte wie Fotos von Angehörigen schaffen Vertrautheit in einer Umgebung, die für Demenzkranke oft keinen Sinn ergibt. Das beruhige, vermindere Stress. Am schlimmsten, sagt Mary Marshall, sei in den Krankenhäusern jedoch der ständige Lärm: "Für einen Menschen mit Demenz ist Lärm so schlimm wie Treppen für einen Menschen im Rollstuhl." Da würde es bereits helfen, die Pager-Alarme vom Piepton auf Vibration umzustellen. Dass viele dieser Maßnahmen wirken, zeigen verschiedene Studien des DSDC: Patienten stürzen weniger und werden seltener handgreiflich.

Design allein reicht jedoch nicht: Abläufe müssen sich verändern, Angehörige sollten zur Unterstützung mit einbezogen werden und vor allem: Das Leitungs- und Pflegepersonal muss zusätzlich geschult werden für den Umgang mit demenzkranken Patienten. Denn laut einer aktuellen Befragung von Pflegekräften in Allgemeinkrankenhäusern durch das Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken fühlen sich nur 30 Prozent ausreichend dafür qualifiziert. Sie sollten beispielsweise lernen, eine mögliche Demenz bei eingelieferten Patienten zu erkennen, Betroffene richtig zu ernähren und auf aggressives Verhalten zu reagieren, ohne dass gleich Beruhigungsmittel eingesetzt werden.

Wie bereits mit wenigen Mitteln viel geändert werden kann, zeigt der Besuch des Monklands-Bezirkskrankenhauses in Airdrie, einer Kleinstadt östlich von Glasgow. Das vom staatlichen Gesundheitsdienst NHS betriebene Haus mit seinen über 500 Betten ist ein dunkler Betonkasten aus den siebziger Jahren, der nach und nach saniert wird. In den verwinkelten, muffigen Gängen kann man sich schnell verirren. Doch das Krankenhaus hat es vor zwei Jahren durch überraschend simple Anpassungen geschafft, eine demenzfreundliche Station mit 24 Betten einzurichten. Als die alte Station renoviert werden sollte, entschloss man sich, Böden, Wände, Türen und die Beschilderung demenzsensibel zu gestalten und einen Aufenthaltsraum für Patienten einzurichten, ganz nach dem Vorbild des DSDC. Das soll nun schrittweise auch auf anderen Stationen geschehen.

Auch die Abläufe wurden geändert. So wird beispielsweise bei der Einlieferung von älteren Patienten automatisch ein einfacher Fragebogen genutzt, um eine Demenz schnell zu erkennen. Und damit Pflegende und Ärzte später stets wissen, welcher Patient an Demenz leidet, entwickelte das Krankenhaus mit dem NHS ein Green-Box-System: Auf einer Tafel neben dem Krankenbett zeichnet das Personal in grünen Kästchen ein, ob der Patient ein vermindertes Auffassungsvermögen hat oder nicht. Ein ausgefülltes Kästchen bedeutet: Diese Person ist nicht mehr fähig, eigenständig zu entscheiden, und bedarf besonderer Betreuung.

Am wichtigsten war jedoch die Weiterbildung des Pflegepersonals. Im Monklands-Krankenhaus, wie auch in ganz Schottland, gibt es seit zwei Jahren sogenannte Demenz-Champions: Krankenschwestern, die durch spezielle Schulung den Wandel hin zu demenzfreundlicher Pflege in ihren Krankenhäusern vorantreiben, mitreden und entscheiden – und stolz auf ihren Titel sind. Dabei entstand eine völlig neue Pflegekultur: Der Wandel in den Köpfen begann auf den unteren Hierarchiestufen und wurde nicht von oben delegiert. Für die Teilnehmer der Studienreise eine überraschende, bisher unvorstellbare Herangehensweise.

Und gleichzeitig eine ernüchternde: Die Vertreter der deutschen Krankenhäuser zeigten sich erstaunt darüber, wie viele Pflegende im englischen Gesundheitssystem auf den Stationen arbeiten. Davon könne man in Deutschland nur träumen. "Klar ist der Fachkräftemangel ein Problem", sagt Bernadette Klapper von der Bosch Stiftung, "mehr Personal ist aber nicht die einzige Lösung. Wichtig ist es vor allem, die Art zu ändern, wie wir mit demenzkranken Patienten umgehen." Da habe Deutschland noch einiges nachzuholen.

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