ZEIT: Sie sind zuversichtlich, was Griechenlands Zukunft angeht?

Dombrovskis: Ich sage nur, das Land hat in diesem Jahr mehr getan als wir. Allerdings: Wir haben viel früher damit angefangen und mitten in der Krise um unsere finanzielle Stabilität gekämpft. Deshalb konnten wir auch wieder wirtschaftlich wachsen. Ohne finanzielle Stabilität landet man mitten in der Rezession. Das passiert in Griechenland.

ZEIT: Haben Sie mit dem griechischen Regierungschef darüber gesprochen?

Dombrovskis: Natürlich. Ich kenne Antonis Samaras noch aus dem Europäischen Parlament, wir haben beide im Haushaltsausschuss gearbeitet.

ZEIT: Was für ein Zufall.

Dombrovskis: Und ich habe auch oft mit seinem Vorgänger gesprochen. Ihre Taktik, die Dinge zu verzögern, ist gescheitert. Aber die Reaktionen in unseren beiden Ländern waren auch sehr unterschiedlich – die griechische Regierung stand unter enormem Druck.

ZEIT: Können Sie sich erklären, warum die Griechen auf die Straße gingen und die Letten kaum?

Dombrovskis: Ich wurde im März 2009 Regierungschef. Davor waren wir in der Opposition. Wir wurden also nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung angesehen. Dadurch waren wir bei unserem Sparkurs glaubwürdig. Und es hat geholfen, dass wir mit Gewerkschaften und mit Selbstverwaltungen gesprochen haben. Die Gesellschaft hat verstanden, dass wir uns selbst aus der Krise befreien müssen.

ZEIT: Das fehlt bei den Griechen?

Dombrovskis: Die Mehrheit hat dort am Anfang den Sparkurs unterstützt. Aber einige Gruppen haben Proteste geschürt.

ZEIT: Im Euro-Club sind längst nicht alle gleich. Sind Sie wütend, dass die großen Länder die Regeln machen, um sie dann zu brechen?

Dombrovskis: Genau das war doch das Problem. Fast zehn Jahre lang hat jeder getan, was er wollte. Und jetzt haben wir den Salat. Ich erinnere mich an die vor allem von Deutschland geführte Debatte über das Bail-out-Verbot. Aber das kann nur funktionieren, wenn alle Länder sich an die Regeln halten. Wenn sie das nicht tun, dann haben wir eben Bail-outs. Genau das ist passiert. Ich hoffe, wir alle haben unsere Lektion daraus gelernt.

ZEIT: Gerade die kleinen Länder wie Slowakei oder Lettland betonen Sparsamkeit. Sind die Balten und die Slowakei die neuen Skandinavier?

Dombrovskis: Wir können das nordische Modell stärken. Das ist ein guter Club, zu dem man gehören will. Aber vor zehn Jahren hieß es, Deutschland sei der kranke Mann Europas. Vor fünf Jahren hat niemand über die Krise im Süden geredet, sondern nur über die Krise in Osteuropa. Heute reden alle über Griechenland – wer weiß schon, worüber wir in fünf Jahren reden werden?