Das Auto gleitet den Montauk Highway gen Osten, durch die sagenhafte, viel beschriebene Leere, Schönheit und Eleganz von Long Island. Der Kopf kommt hier auch deshalb zur Ruhe, weil es von allem so wenig gibt, das aber jeweils in seiner schönsten Form: Das Grün ist hier sehr grün (Weiden und Wiesen), das Weiß sehr weiß (Zäune und Pferde), das Blau dunkelblau (Ozean und Himmel), das Braun das blasse Graubraun der Schindeln der zwei- oder dreihundert Jahre alten Holzhäuser, gelegentlich unterbrochen von den Auslagen der Lamborghini- und Antiquitätenhändler.

Der Schriftsteller Louis Begley, 79, und sein Frau Anka Muhlstein, 78, Historikerin und ebenfalls Schriftstellerin, haben uns in ihr Sommerhaus nach Sagaponack in den East Hamptons eingeladen, um gemeinsam Mittag zu essen und ein wenig über ihre neuen Bücher zu plaudern – vielleicht gehört ein Besuch bei den Begleys zu den zwei, drei angenehmsten Dingen, die einem Kulturjournalisten widerfahren können. Das 380-Einwohner-Dörfchen 11962 Sagaponack liegt in einer für seine astronomisch hohen Immobilienpreise bekannten Gegend und gilt als "die reichste Postleitzahl der USA" (Truman Capote empfing hier früher Gäste, Madonna soll hier ein Sommerhaus unterhalten) – kein schlechter Ort für ein Schriftstellerpaar. "Wir wollen uns, um Himmels willen, nicht anstrengen", hatte Louis Begley in seiner Einladung geschrieben, "nur einen leichten Sommertag miteinander verbringen. Wir freuen uns auf Sie."

Und während das Auto an diesem gleißenden Vormittag im Juni am Schild "Begley 668" zwischen Bäumen und Sträuchern in einen schlecht befestigten Kieselweg einbiegt, fragt der Besucher sich selber: Wie geht das, ein zeitgemäßes, elegantes Plaudern? Wird man mit dem Ehepaar Louis Begley und Anka Muhlstein neben den großen literarischen Fragen auch so profane Dinge wie ihren Alltag und das Geheimnis ihrer Ehe besprechen können? Haben wir das richtige Gastgeschenk mitgebracht (einen Bildband über europäische Emigranten zur Zeit der Hitler-Diktatur)? Ist es okay, beim als Dandy und großer Stylist bekannten Louis Begley nur im Hemd und ohne Strickkrawatte und das obligatorische Searsucker-Jacket aufzutauchen?

Zwischen den Bäumen erscheint ein Dachgiebel: ganz das Gegenteil eines protzigen Hauses. Ein einstöckiger Bungalow, Glas und Holz, Architektur aus den siebziger oder frühen achtziger Jahren. Durch die Glaswand blickt der Besucher in ein studioartiges Wohnzimmer: mehrere Sitzgruppen, Ölbilder, ein Ventilator im Dachgebälk. Der Herr hinter der Balkontür legt ein Buch zur Seite, lässt eine Katze von seinem Arm zu Boden gleiten. Dieser Louis Begley, er ist tatsächlich der kleine und schmale Mann mit dem "netten Gesicht und den traurigen Augen" (Selbstbeschreibung des Autors in einem Vorwort seiner Bücher). Seine Kleidung ist nicht weiter der Rede wert (Jeans, Hemd, Lederloafer). Er begrüßt den Besuch mit den gut sitzenden Worten: "Wollt ihr erst mal ein Glas Champagner? Oder gleich in den Pool hüpfen?" Freude darüber, dass es in den USA üblich ist, sich auch als Fremde gleich mit Vornamen anzusprechen. Die Frau, die nun in den großen Studioraum tritt – sie sieht wie eine wundersame Mischung aus über 70 und ewigen sechzehn Jahren aus. Man kennt so einen Typ Dame eigentlich nicht mehr (vielleicht aus Schwarz-Weiß-Filmen, vielleicht aus amerikanischen Erzählungen aus den 1920er Jahren). Anka Muhlstein trägt Leinenhose, Männerhemd und Segeltuchturnschuhe, in ihren Haaren steckt eine Jackie-O.-Sonnenbrille. Sie ist, schöne Pointe, vielleicht zwei Zentimeter größer als ihr Mann. Anka fragt: "Hat euch Louis etwas zu trinken angeboten?"

Wir nehmen nun auf der Terrasse unter einer in Form eines Sonnenschirms zurechtgestutzten Ulme Platz (das Gastgeschenk kommt gut an, vielen Dank). Es muss nun erst einmal das New Yorker Lieblingsthema Verkehr besprochen werden (der Stau zieht sich von Manhattan über die zweispurige Straße bis nach Montauk). Den zehnten Sommer verbringen die Begleys von Juni bis Ende September hier draußen, in ihre Wohnung in der Park Avenue in Manhattan werden sie während dieses Sommers nur an zwei Abenden zurückkehren (zur Eröffnung eines Buchladens und für einen Theaterabend). Anka verschwindet in die Küche, kehrt mit Wasser, Wein und einem Sommersalat zurück. Und während wir uns in der hohen Kunst des Plauderns üben, fragt sich der Besucher: Wie ist es möglich, diese zwei reichen und dramatischen Leben, die tief in den Tragödien des 20. Jahrhunderts wurzeln, in wenigen Worten zu umreißen? Welche Einstellung muss der Mensch zu Liebe, Ehe, Geld und Arbeit haben, damit er zum Ende des Lebens als ein so feines und schönes Wesen wie Louis und Anka auf einer Terrasse sitzt?

Diese zwei sagenhaften Leben – man möchte sie hier einfach noch einmal kurz nacherzählen: Er, Louis Begley, wird 1933 als der polnische Jude Ludwik Begleiter in Stryj, Galizien, (damals Polen, heute Ukraine) geboren; den Holocaust überlebt Begley mit seiner Mutter und mit gefälschten Papieren – die Schrecken seiner Kindheit wird er in seinem ersten Roman, dem Weltbestseller Lügen in Zeiten des Krieges (1994 auf Deutsch erschienen), verarbeiten. 1947 nach USA ausgewandert, schließt Begley nach einem Literaturstudium und dem Militärdienst in Deutschland ein Jurastudium in Harvard ab. Bei einer sehr vornehmen New Yorker Anwaltskanzlei macht er Karriere als Wirtschaftsanwalt. Nach dem ersten Roman, den er während eines viermonatigen Sabbaticals niederschreibt, übt Begley den Anwaltsberuf aus, seine Bücher schreibt er am Wochenende (unter anderem den mit Jack Nicholson verfilmten Bestseller Schmidt, 1997). Erst seit 2004 und dem Roman Schiffbruch widmet er sein Leben ganz der Schriftstellerei.

Sie ist 1935 als französische Jüdin in Paris geboren (Vater Diplomat, Mutter eine geborene Rothschild), mit fünf Jahren kommt Anka Muhlstein nach New York. Nach dem Krieg zurück in Europa, studiert sie an der Sorbonne Geschichte, arbeitet bei Verlagen. Muhlstein schreibt kluge Bücher über Balzac, Elisabeth I. und Maria Stuart, die Medici und ihren Vorfahren James de Rothschild, allesamt gelehrt und fundiert, zugleich leicht und unterhaltsam. Die Autorin: "Ich habe nie für eine akademische Leserschaft geschrieben. Lesbar sein, genau das wollte ich immer." Immerhin, für ihre Astolphe-de-Custine-Biografie erhält Anka Muhlstein den Prix Goncourt.

Die gemeinsame Geschichte von Anka und Louis beginnt 1971: Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne, als sie bei einem Urlaub im Haus ihrer Schwester in der Provence dem Anwalt Louis Begley vorgestellt wird (er ist damals ebenfalls verheiratet und hat zwei Kinder). 1974 heiraten Louis und Anka, seither leben beide in New York. Im Jahr ihrer Hochzeit kaufen die Begleys eine Wohnung im 12. und 13. Stock auf der Park Avenue, Ecke 80. Straße, in der sie noch heute leben (die Wohnung in Manhattan muss heute einen unaussprechlich hohen Wert haben). Ihr Haus in Sagaponack erwerben die Begleys 1983 zu, wie sie sagen, einem erschwinglichem Preis, einige Jahre später kommt das gegenüber gelegene Gästehaus hinzu.