Die Wahlgewinner könnten unterschiedlicher nicht sein: da die Neos, die auf Anhieb die Vierprozenthürde übersprangen; eine Partei der Modernisierungsgewinner, die gut in die kleine, aber feine Parteienfamilie der Liberalen in Europa passt. Dort die Freiheitlichen, die nach dem politischen Ende des BZÖ da angelangt sind, wo sie schon einmal waren: auf Augenhöhe mit Sozialdemokraten und Volkspartei. Die Neos: proeuropäisch. Die FPÖ: die Partei der Ressentiments gegen die ohnehin bescheidenen Umverteilungen innerhalb der EU. Hier eine Protestpartei des jungen Bildungsbürgertums und der oberen Zehntausend, die in ihrer sozialen Komposition den Grünen nicht unähnlich ist; da die Partei, die seit geraumer Zeit der SPÖ die Rolle der Arbeiterpartei streitig macht – und das mit steigendem Erfolg.

Die Neos werden die europapolitische Allianz stärken. Sie werden wohl auch die Zweidrittelmehrheit im Nationalrat sichern, wenn europäische Weichenstellungen notwendig sind.

Ganz im Gegensatz zum anderen Wahlgewinner. Die Freiheitlichen werden sich jeder Vertiefung der EU entgegenstemmen – in trauter Zweisamkeit mit dem Team Stronach. Diese antieuropäische Allianz wird über nicht unerhebliche Schlagkraft verfügen und vermutlich 53 Abgeordnete stellen. Zu wenig, um eine entschlossene Regierung ernsthaft infrage zu stellen, die ihre Europapolitik noch dazu mit Grünen und Neos abstimmt. Aber allemal genug, um innerhalb der beiden Regierungsparteien die Ängste weiter zu schüren, dass ein entschiedenes, durch Handeln begleitetes Bekenntnis zur europäischen Integration unpopulär sein könnte. Deshalb haben SPÖ und ÖVP im Wahlkampf über alles Mögliche gesprochen – dabei aber kein Sterbenswörtchen über die Zukunft Europas verloren.

Die durch die Neos gestärkte proeuropäische Zweidrittelmehrheit wird nicht reichen, den Eindruck eines signifikanten Rechtsrucks zu vermeiden, den das Wahlergebnis vermittelt. Wenn FPÖ, Team Stronach und das BZÖ auch keinen homogenen Block bilden, so vereinten trotzdem jene Parteien, die einen entschiedenen Anti-EU-Kurs befürwortet haben, 30 Prozent der Stimmen auf sich.

Die Pinken lassen hoffen, dass Österreich lernfähig ist

Viel wird über eine angeblich neue politische Landschaft gesprochen, in der sich drei Parteien fast auf Augenhöhe gegenüberstehen. Doch war da nicht das Wahlergebnis von 1999, als die SPÖ zwar ihre relative Mehrheit rettete, aber FPÖ und ÖVP, nicht viel schwächer als heute und vor allem praktisch gleichauf, den zweiten Platz einnahmen? Nichts Neues unter der österreichischen Sonne, könnte man meinen.

Wirklich neu ist freilich der Erfolg der Neos. Die Pinken lassen hoffen, in Österreich könnte sich eine liberale Stimme auf Dauer etablieren. Ein liberales oder zumindest liberaleres Österreich, in dem der kulturelle Liberalismus vor allem von den Grünen, der wirtschaftliche von den Neos verkörpert wird? Nicht einmal der österreichischen Gesellschaft sollte man die Lernfähigkeit absprechen. Und der Erfolg der Neos hilft, die Hoffnung am Leben zu erhalten.

SPÖ und ÖVP haben noch einmal eine Mehrheit geschafft. Können sich die beiden nun beruhigt zurücklehnen, in der Meinung, es sei alles nicht so schlimm? Natürlich nicht. Das wirklich Schlimme für die Sozialdemokraten und die Volkspartei ist nicht das Wahlergebnis. Das wirklich Schlimme ist, dass sich ein Trend unerbittlich fortzusetzen scheint: Seit Jahrzehnten verlieren SPÖ und ÖVP beständig. Was wechselt, sind die Nutznießer des Abstiegs der ehemals Großen. Dazu gehört vor allem die FPÖ – sofern sie in Opposition ist. Sozialdemokraten und Volkspartei sind die Parteien der Alten. Die Stammwähler sterben weg, und die Jungen stehen politisch woanders: bei den Grünen und Neos sowie bei den Freiheitlichen.

Dieser Trend, der schon 1983 einsetzte, wurde nur zweimal unterbrochen: 1995, in Form einer nicht nachhaltigen Momentaufnahme; und 2002, als die Konfrontation zwischen der schwarz-blauen Koalition und der SPÖ-Opposition vor allem der ÖVP, aber auch der Sozialdemokratie zu deutlichen Gewinnen verhalf und die Freiheitlichen dramatisch abstürzen ließ.

Die FPÖ hat die besten Chancen, 2018 Nummer eins zu werden

Gerade diese Erfahrung, dass die FPÖ nach weniger als drei Jahren Regierungsbeteiligung zwei Drittel ihres Stimmenanteils verlor, muss die Partei vorsichtig machen. Das für die Freiheitlichen katastrophale Ergebnis ihrer Allianz mit der Schüssel-ÖVP müsste bei Heinz Christian Strache zum Schluss führen, nicht in die Regierung zu drängen, sondern zu akzeptieren, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist. Er kann aber darauf bauen, dass sich bei einer Neuauflage einer großen Koalition der Abnützungseffekt mit eherner Gesetzmäßigkeit weiter fortsetzen wird und 2018 die beiden Noch-Regierungsparteien keine gemeinsame Mehrheit mehr zustande bringen werden. Die FPÖ, die dann nicht nur die noch vorhandenen Reste des BZÖ ohne Mühe einsammeln wird, sondern der auch wesentliche Stimmenanteile der Liste Stronach zufallen könnten, hätte beste Chancen, zur Nummer eins zu werden. Dann, erst dann, könnte eine neue Ära anbrechen: die Ära eines Bundeskanzlers Heinz Christian Strache.