Im Land der tiefen Gräben

Tarek Al-Wazir hat eine Menge Wut im Bauch. Mit grimmigem Schwung ruckt er seinen schwarzen Rollkoffer über die Schwelle ins Café Zimt und Zucker an der Spree, wo sich die Berliner Grünen dieser Tage häufig zum Haare-Raufen und Krise-Besprechen treffen. Der hessische Landesvorsitzende der Partei hat nach zwei Monaten Wahlkampf tiefe Schatten unter den Augen und pfundweise Gewicht verloren. Die Fehler des grünen Bundestagswahlkampfs kosteten Al-Wazir eine sicher geglaubte rot-grüne Mehrheit. "Wir Grüne in Hessen sind Teil des großen Abrutschens, auch wenn wir selbst keinen Fehler gemacht haben", sagt er. "Man wird einfach mit runtergezogen."

Die Grünen sind erst einmal nicht auf der Regierungsbank gelandet, sondern in einem Loch. Fast das gesamte Spitzenpersonal der Partei hat abtreten müssen. In Berlin rufen sie schon lange nach einem wie Tarek Al-Wazir: einem jungen, entschlossenen Realo, der genau die Strahlkraft besitzt, die der alten Führungsspitze zuletzt ganz abging. Jetzt richtet die am Boden liegende Partei fast messianische Hoffnungen auf den 42-Jährigen, der offenbar alles richtig gemacht hat – kein Bündnis im Vorfeld ausgeschlossen, keinen Populismus in den eigenen Reihen durchgehen lassen, keine Oberlehrerpose eingenommen.

Wenn er es geschickt anstellt, könnte Tarek Al-Wazir in Hessen den Grünen jetzt doch noch verschaffen, was sie dringend brauchen: die Beteiligung an einer Regierung, in die sie ohne weiteren Gesichtsverlust einziehen können. Vor allem viele Realos wünschen sich, Al-Wazir möge endlich den Kulturbruch wagen und in Hessen die erste Landesregierung mit der CDU bilden. Schließlich war Hessen schon einmal Pionierland: Hier entstand – unter Al-Wazirs Lehrmeister Joschka Fischer – die erste rot-grüne Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik. Inzwischen ist das Geschehen auf der hessischen Nebenbühne mit dem auf der Hauptbühne in Berlin noch enger verflochten: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier wird Teil der Verhandlungskommission, die für die CDU Sondierungsgespräche führt. Auch die Grünen denken daran, ihre erfolgreichen Landespolitiker in die Sondierungen einzubinden. Gut möglich also, dass Al-Wazir und Bouffier gleich zweimal Schwarz-Grün beschließen.

Nicht ausgeschlossen ist aber auch, dass der Hoffnungsträger Al-Wazir als tragische Figur endet. Dass er nach 14 Jahren parlamentarischer Knochenarbeit im gnadenlosen Hessischen Landtag einer Großen Koalition gegenübersteht – als eine Art Zaungast an der Seite der gerupften Liberalen, die erst in den Morgenstunden der Wahlnacht erfuhren, dass sie es doch knapp in den Landtag geschafft hatten. "Die eine kleine Freude, die dieser Abend uns Grünen beschert hat, nämlich das Aus für die FDP, war schließlich auch noch dahin", seufzt Al-Wazir.

Aber Tragik ist nicht sein Fach. Al-Wazirs Familiengeschichte hat ihn abgehärtet. Sein jemenitischer Vater wuchs im Gefängnis auf, weil der Urgoßvater 1948 an einem Aufstand gegen den damaligen Regenten Imam Yahya beteiligt gewesen war. Der Vater bekam sein erstes Paar Schuhe mit 14 Jahren. Al-Wazirs Großonkel war sogar für zwei Wochen König des Jemen. Dann schlug man ihm den Kopf ab. Al-Wazirs Mutter Gerhild, geborene Knirsch, stammt aus einer sudetendeutschen Vertriebenenfamilie, die im ländlichen Hessen in der Wetterau landete – dort, wo jene Tankstelle steht, an der sich die CDU-Granden des "Andenpakts" wie Bouffier, Roland Koch und Franz Josef Jung gelegentlich trafen. Der deutsche Großvater von Tarek Al-Wazir war bis zuletzt ein überzeugter Nazi, dessen Enkel mit dem arabischen Vater anfangs nicht ins Haus durfte.

Ressentiments begleiteten den Grünen auch in der Politik. Im Jahr 2008 warnte ein Wahlplakat des früheren Ministerpräsidenten Koch: "Al-Wazir, Ypsilanti und die Kommunisten". Wer der CDU damals Fremdenfeindlichkeit vorwarf, bekam unschuldig zu hören, das sei nun mal der Name des Grünen-Chefs.

Al-Wazir lächelt sein "Crazy Hessen"-Lächeln

Ein Bündnis mit der hessischen CDU, das wäre eben kein Bündnis mit der liberalen CDU der Altmaiers, Laschets oder von der Leyens. Hier weht noch ein anderer Wind. Als Al-Wazir 24 Jahre alt war und als frisch in den Landtag gewählter Abgeordneter in der Kantine anstand, murmelte hinter ihm ein CDU-Mann: "Na, Al-Wazir, wenn die Moslems die Macht übernehmen, legst du doch ein gutes Wort für mich ein, oder?" Al-Wazir lächelt sein "Crazy Hessen"-Lächeln. Bei der Hessen-CDU, fügt er mit einer kantigen Handbewegung hinzu, "hat man immer das Gefühl, gleich geht der Schrank auf und die Mumie von Alfred Dregger schaut raus."

Die CDU-Regierung Volker Bouffiers hat von den Hessen keine guten Noten bekommen, der Ministerpräsident hat sich mit letzter Kraft in den Windschatten der Kanzlerin gerettet. Und so einen sollen nun die Grünen retten? Bouffier ließ ihnen, wie zuvor der SPD, per Boten eine Einladung zur Sondierung zukommen, und die Grünen nahmen an. "Wir reden mit allen", sagt Al-Wazir, "das haben wir schon immer getan." Für Bouffier hätte ein schwarz-grünes Bündnis auf Länderebene den Reiz des Neuen – die Große Koalition hingegen würde bedeuten: weniger Ministerien für die CDU und vermutlich kontinuierlichen Ärger mit einer gedemütigten SPD-Linken, die jetzt wieder wie 2008 mit der Linken flirtet.

"Und täglich grüßt das Murmeltier", hat Al-Wazir dazu jetzt getwittert. Irgendwie ist es ihm gelungen, die Welt vergessen zu machen, dass auch er 2008 der SPD zum Bündnis mit der Linken geraten hat. Ein Schritt, der die damalige hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti gegenüber den Wählern wortbrüchig werden ließ und ihre Karriere beendete. "Wir hatten damals ein eindeutiges Wählervotum", erklärt Al-Wazir im Rückblick. "Roland Koch hatte die Wahl verloren. Wir hatten etwas vor Augen, das in Nordrhein-Westfalen gut geklappt hat." Aus dem Trauma von 2008, dem gescheiterten rot-rot-grünen Bündnis, haben die Grünen eine Konsequenz gezogen: Ein Tolerierungsmodell kommt für sie nicht infrage. "Wenn die Linken weiter so tun, als fiele Manna vom Himmel, geht nichts", sagt Al-Wazir. Aber wenn sie die Schuldenbremse akzeptierten und den Haushalt mittrügen, überhaupt Verantwortung übernähmen, dann könne man reden.

Al-Wazirs Geschmeidigkeit ist stilbildend. Selbst Freunden vom Realo-Flügel fällt kaum eine konkrete Auseinandersetzung ein, bei der sich Al-Wazir deutlich gegen links positioniert hätte. "Lasst uns mit dem Flügel-Quatsch endlich aufhören", hat er auch jetzt am Wochenende gefordert. Im Januar hat Tarek Al-Wazir sich für eine Karnevalssendung im hessischen Fernsehen in die linke Claudia Roth verwandelt, mit blonder Perücke, knallroten Lippen, buntem Gewand und Schal. Er hat alle umarmt, die ihm in die Quere kamen. Roth selbst hatte die Requisiten aus ihrem eigenen Kleiderschrank bereitgestellt. Eine Persiflage oder eine Hommage? Al-Wazir legt sich nicht gern fest.

Für Gerhild Knirsch, Al-Wazirs Mutter, ist Tarek ein Rechtsabweichler. Sie ist Mitglied bei Attac. Ginge ihr Sohn ein Bündnis mit der hessischen CDU ein, könnte sie das, glaubt er, "allenfalls rational verstehen, gefühlsmäßig sicher nicht". Als Tarek klein war, hat sie ihn mitgenommen zu Demonstrationen, in die Hüttendörfer gegen die Startbahn West. Es gab Tote dort bei den Protesten, wie überhaupt auf Hessens Straßen oft aus politischen Gründen Blut geflossen ist – nach dem Kaufhausbrand der RAF, bei den Straßenschlachten zwischen Joschka Fischers Putztruppen und der Polizei. Gerade weil die Gräben in Hessen so besonders tief sind, wäre ein Bündnis zwischen CDU und Grünen so eine Sensation. "Nur weil Journalisten Schwarz-Grün so toll finden, ist es politisch noch nicht plausibel", meint Al-Wazir. "So etwas Neues muss man eigentlich aus einer Position der Stärke heraus machen, nicht wenn es einem dreckig geht", sagt er. Damit meint er die Bundespartei. Für Hessen gilt weiter: Nichts ist ausgeschlossen.

"Basis und Wähler wollen zu zwei Dritteln, dass wir eine rot-grüne Regierung bilden", sagt Al-Wazir. Die hessische SPD hat sich unter ihrem Umweltpolitiker Hermann Scheer dem ökologischen Denken geöffnet. Tarek Al-Wazir sieht sehr genau, wie sich der SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel mit den Hessischen Verhältnissen herumplagt. Das Trauma von 2008, die Niederlage, die sich die SPD damals selbst beigebracht hat, sitzt dem SPD-Vorsitzenden immer noch im Nacken. Wie Schäfer-Gümbel sich auch entscheidet, eine Hälfte seiner Partei wird es als Verrat empfinden. In eine Abhängigkeit von der Linken will er sich nicht begeben, aber unter Volker Bouffier als Vize zu dienen, scheint ihm ebenfalls nicht verlockend. Auch wenn sie nie gemeinsame Sache gemacht haben, etwas verbindet die großen hessischen Volksparteien: die klassische Industriepolitik, sprich der Flughafen. Für die Grünen steht Letzerer vor allem für Lärm, Naturvernichtung und Abgase. Der Kampf gegen die Startbahn ist Teil ihrer Identität. Für CDU und SPD bedeutet der Flughafen 40.000 Arbeitsplätze, Wirtschaftskraft, Zukunft. Eine echte Hürde für Al-Wazir, der für sich das Amt des Wirtschafts- und Verkehrsministers ins Auge gefasst hat.

Bleibt nur eine Möglichkeit, die in diesem Jahrhundert noch nirgendwo versucht wurde, in keiner Stadt, in keinem Land. Eine Ampelkoalition mit der klein geschrumpften FDP hätte für SPD und Grüne den Charme, sich weder an die verantwortungsfreie Linkspartei ketten zu müssen, noch unter Volker Bouffier zu amtieren. Aber Tarek Al-Wazir erinnert sich mit Schaudern an die Wahlkampfaktion des FDP-Verkehrsministers Florian Rentsch, der Journalisten an die A 5 beorderte, um dort Warnschilder vor Radarfallen zu enthüllen. "Die FDP ist bei unserer Basis fast noch mehr verhasst als die CDU", sagt Al-Wazir zweifelnd. Wer Geschwindigkeitsbegrenzungen als Freiheitsberaubung versteht, steht weit entfernt von den Grünen.

Immerhin sind die Liberalen nun in einem ähnlich schwarzen Loch gelandet wie die Grünen – nur noch tiefer gefallen und noch wütender auf die CDU, die ihnen auch in Hessen nicht aufhelfen wollte. Nicht ausgeschlossen, dass die FDP sich unter neuer Führung etwa der ehemaligen Kultusministerin Nicola Beer aus ihrer Wagenburg heraustraut und neue Wege wagt. Tarek Al-Wazir jedenfalls ist wie immer zu Gesprächen bereit, das Wort "Ausschließeritis" ist seine Erfindung. Gut möglich, dass seine politische Geschmeidigkeit, seine Offenheit nach allen Seiten, sein taktisches Geschick Lehren aus den Schroffheiten der eigenen Familiengeschichte sind. Al-Wazir bedeutet übrigens "der Minister". Und Tarek heißt: "der Kommende".