DIE ZEIT: Der britische Guardian nennt Sie "das moderne Gesicht der arabischen Musik". Kompliment oder Schublade?

Yasmine Hamdan: Beides. Journalisten haben es gern griffig, sie müssen Botschaften verkaufen. Von ihrem Standpunkt aus ist das auch verständlich. Ich bin nicht gegen Etiketten, aber sie sollten mit Inhalt gefüllt werden.

ZEIT: Dann werden wir konkreter. Sie haben die erste Independent-Band des Nahen Ostens gegründet, man hört Ihre Musik in Beirut, Tunis und Kairo genauso wie in Paris, London oder Berlin. In Only Lovers Left Alive, dem neuen Jim-Jarmusch-Film, spielen Sie eine Barsängerin und werden mit den Worten vorgestellt: "Ihr Name ist Yasmine, sie wird bald berühmt sein." Sie sind eine Pionierin!

Hamdan: (lacht) Das war aber so nie geplant. Ich bin einfach nur meiner inneren Stimme gefolgt, ohne Ermunterung von außen, oft gegen Widerstände. Es gibt so unendlich viele ungeschriebene Gesetze, die man in der arabischen Welt verletzen kann. Es gibt aber mindestens genauso viele westliche Klischees darüber. Um beides habe ich mich nie gekümmert. Ich kann sehr starrsinnig sein. Das ist mein Vorzug und zugleich meine größte Schwäche.

ZEIT: Was stört Sie an der Art, wie der Westen auf den Osten blickt?

Hamdan: Dass arabische Kultur zu oft als Gegensatz zur Moderne wahrgenommen wird. Dabei ist sie sehr vielfältig und komplex. In jedem arabischen Land gibt es blühende Sub- und Gegenkulturen. Man muss sich nur die Mühe machen hinzuschauen.

ZEIT: Auf Ihrem jüngsten Album Ya Nass singen Sie eigene Songs, aber auch Bearbeitungen von Liedern aus Kuwait, Ägypten und dem Libanon. Sind Sie der Vergangenheit hinterhergereist?

Hamdan: Orientalisch formuliert: Mein Leben war schon immer eine Reise. Als Kind bin ich mit meinen Eltern vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Griechenland und von dort in verschiedene arabische Länder geflohen, bevor es wieder zurück nach Beirut ging. Nach westlichen Maßstäben bin ich eine Nomadin. Ich bin in beiden Welten zu Hause.


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Wie hat sich das auf Ihre Musik ausgewirkt?

Hamdan: Das dauernde Unterwegssein hat mich oft einsam gemacht, war aber auch eine Kraftquelle. Wenn du schon als Teenager immer wieder herausgerissen wirst und von vorne beginnen musst, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als kommunikativ zu werden. Wer kein Zuhause hat, der sucht sich eben eins. Hat man erst einmal akzeptiert, dass man von allem etwas in sich trägt, kann auch das eine Art Zentrum sein.

ZEIT: Wie war das, in den Neunzigern in das zerstörte Beirut zurückzukehren?

Hamdan: Absolut surreal. Beirut war eine Art Geisterstadt, ständig Stromausfälle, manchmal zwölf Stunden am Tag, alles sehr düster und klaustrophobisch. Auf der anderen Seite gab es inmitten der Trümmer eine gespielte Normalität. Die Kinder der Superreichen wurden von Bodyguards in die Schule und wieder zurückgebracht. Die allgemeine Haltung war: Schwamm drüber, wir haben überlebt und sind immer noch eine Familie.