Und nun also der kleine, schwarze Gedichtband In stillen Nächten (Verlag Kiepenheuer & Witsch). Es sind knapp hundert Gedichte, die Titel wie Sinn, Angst, Die Hure, Zur See und Nachtigall tragen. Bei Rammstein ist bekanntermaßen allein Lindemann für die Dichtung der Liedtexte zuständig. Wer also mit Rammstein-Texten vertraut ist, wird wenig überrascht sein. Da finden sich einige der Obsessionen aus den großen Hits wieder: die Lust, die es ohne Schmerz nicht gibt. Man kann sagen: Der Dichter Till Lindemann hat dauernd mit seinem Körper zu tun, der eklige oder sehr eklige oder gleich voll perverse Dinge tun will. Ein bisschen Geschlechtsumwandlung (Größer Schöner Härter) und Nekrophilie (Tierfreund) sind auch dabei. Natürlich, ein guter Songtext ist nicht gleich ein gutes Gedicht. Manchmal ist Lindemann zu sehr dem Rock-’n’-Roll-Prinzip des Schockierens verpflichtet – der Dichter möchte ein böser Junge sein. Im Gedicht Elegie für Marie Antoinette – ach, du liebes bisschen – wird nach Oralsex mit einem geköpften Schädel verlangt. Und natürlich, die Liebe: Wie in den Rammstein-Songs gibt es auch in den Lindemann-Gedichten viel Schwermut.

Wenn moderne Lyrik immer den Sprachzweifel, ja ein Problemverhältnis zur Sprache zum Inhalt hat, dann geht diesen Gedichten alles Zeitgenössische oder gar Avantgardistische ab. Da spricht einer, als wäre nichts, den klassischen Ton. (Oder, Moment: Täuschen wir uns? Blitzt da Ironie auf? Ist dieses merkwürdig aus der Zeit gefallene Deutsch vielleicht nicht immer ganz ernst gemeint?) Eine Lieblingsvokabel Lindemanns ist das "Herz", es kommt in jedem zweiten Gedicht vor (weitere Lieblingswörter: Schmerz, Blut, Seele, Messer, Liebe, Kind, Tränen). Vor Brüder-Grimm-Vokabeln wie "Sternlein" oder "Ränzlein" schreckt der Dichter auch nicht zurück. Wenn er mit "Ich bin ein trefflich Schusterjung" ein Gedicht eröffnet, dann ist der Leser mit einer Zeile bei Brentano, Eichendorff und der Romantik. Und wenn Lindemann Körper seziert oder einer unbestimmten Einsamkeit Ausdruck gibt, dann kann man, natürlich, auch an Gottfried Benn denken. Vielleicht ist der Dichter Lindemann in seinen drei oder vier Zeilen langen Epigrammen am stärksten. Da heißt es: "In stillen Nächten weint ein Mann / Weil er sich nicht erinnern kann". Ist das – wie es sich für einen dichtenden Rocksänger gehört – nicht rührend einfach und einfach gut?

Im Grill Royal gibt er jetzt die schöne Bestellung Tatar als Vorspeise und Steak ohne Beilage als Hauptgang auf. Merkwürdig: An der Art, wie der Gast Lindemann mit den Kellnern umgeht – normal freundlich, eben nicht dumm kumpelhaft, wie Stars das gerne tun – kann man erkennen, dass ihn der Rockstar-Beruf nicht verblödet hat. Er hat sich eine schöne Bescheidenheit bewahrt. Sieht er sich selbst als Dichter? Erst spät, mit dreißig, habe er mit dem Notieren kleiner Spracheinfälle angefangen. Der Dichter denkt nun darüber nach, ob man als gelernter Korbmacher überhaupt so etwas wie ein Mann der Sprache sein könne.

Lindemann, Sohn eines Kinderbuchautors und einer Kulturjournalistin, hat auf dem Dorf bei Schwerin eine Bücher-Kindheit gehabt ("Fernsehen spielte im Osten keine Rolle"). Als Literatur seiner Jugend nennt er Hemingway, Salinger und die ostdeutschen Provokateure Stefan Heym, Joachim Seyppel, Christa Wolf. Bei Lindemanns gingen die Maler, Bildhauer, Schriftsteller aus und ein. Ist ihm der Begriff Bildungsbürger angenehm? "Weiß gar nicht. Ich bin ein ziemlich einfacher Typ, der aus einem Bildungshaushalt stammt." Hatte die Lyrik in der DDR nicht eine vergleichsweise große gesellschaftliche Bedeutung? Tatsächlich, Tills Vater leitete in der DDR den Zirkel Schreibende Arbeiter. "Da trafen sich Leute aus allen Schichten, Angestellte und Arbeiter, und haben unter Anleitung meines Vaters Gedichte geschrieben." Als Liedtexter und als Dichter sieht Lindemann sich bis heute von der DDR beeinflusst: "Man durfte sich nicht offen gegen den Staat äußern, also haben sich Literatur und Lyrik verschiedener Codes bedient. Die Prägung, dass Sprache die Dinge nur andeuten, niemals aussprechen darf, die bleibt – ein Leben lang."

Was unterscheidet Rammstein-Texte von Lindemann-Gedichten? "Dichten macht Spaß, da ich das für mich tue. Liedtexte schreiben ist ein Albtraum." Und Lindemann erzählt vom Vorgang des Liedtexte-Dichtens: Er schreibt über Instrumentalphasen drüber, die ihm die Band vorlegt, so lange, bis jedes der sechs Bandmitglieder zufrieden ist: was dauern kann. Dagegen die Gedichte: Sie seien ihm über die Jahre nur so zugeflogen, auf Flughäfen, in Tourbussen und Hotelzimmern. "Um Gedichte schreiben zu können, muss ich unterwegs sein. Ich habe in Berlin komischerweise keinen Zugang zur Muse." Ist es vorstellbar, dass eines der Gedichte in dem schwarzen Band noch in einen Rammstein-Song verwandelt wird? "Das ist sehr gut vorstellbar. Einige der Gedichte hingen schon an der Wand im Band-Proberaum." Als idealen Ort zum Runterkommen und Richtige-Worte-Finden bezeichnet Lindemann sein Landhaus in Mecklenburg-Vorpommern, zwei Stunden nördlich von Berlin. Noch zwei Gläser Rotwein und die Frage nach dem lyrischen Ich: Ist er das, der in seinen Gedichten spricht? Oder ist der Dichter wie der Rockstar eine Kunstfigur? Zögern. "Einige Gedichte sind autobiografisch, andere nicht." Hilfe, was soll der Dichter auch sagen? Der Dichter spricht: "Ich schreibe etwas auf, lasse es liegen, setze mich immer wieder dran, bis es sitzt, und dann erschrecke ich oft furchtbar: Hilfe, das bin ja ich!" Es findet nun – auch das ist möglich – ein wortreiches Schwärmen über Lindemanns Lieblingsgedicht Unruhige Nacht von Conrad Ferdinand Meyer statt. Schön.

Bei der Ausstellungseröffnung in der Auguststraße. Großes Hallo, Umarmungen, Zuprosten. Hier treffen sich alte Freunde. Die Galerie leitet ein Uraltkumpel, mit dem Till zu Schweriner Zeiten in einer Punkband gespielt hat. Das Konzept der Ausstellung besteht darin, dass Freunde ihren Freunden zeigen, was bei ihnen zu Hause hängt (Till hat Werke von Gottfried Helnwein und Markus Lüpertz beigesteuert). Raufasertapete. Ein Gaukler mit Wandergitarre singt Neil-Young-Lieder. Seltsam, die Stimmung in den Galerieräumen erinnert an 1990, als in Mitte eine einmalige Aufbruchstimmung umging: Wie kriegen wir das hin, den utopischen Geist der DDR zu bewahren, ohne dass das böse Geld des Westens uns alles kaputt macht? Till Lindemanns Freundin, die Schauspielerin Sophia Thomalla, ist auch schon da. Der Galerist erzählt, was Till im Jahr 1983 für ein beinharter Hund war, als vom dichtenden Sänger eine SMS eintrifft: "Bin auf dem Weg in den schönen Norden. Hau die Hühner." Gut getextet.