Turgenjew nannte ihn einen neuen Pickel auf der Nase der russischen Literatur. Und auch Nabokov liebte den Schöpfer des Fürsten Myschkin nur wenig. Aus Cornell ist die Szene überliefert, wie er mit hochrotem Kopf beim Dekan die Relegation des unbotmäßigen Studenten fordert, der zu fragen gewagt hatte, ob nicht er etwas über Dostojewski sagen dürfe, wenn schon der Professor ihn nicht auf den Lehrplan setzt.

Nabokov hat dann doch Vorlesungen über den ungeliebten Autor gehalten, die nicht nur stark sind, sondern überraschend fair. Sie zählen zu den Höhepunkten des neuen Bandes der von Dieter E. Zimmer edierten Werkausgabe, der Nabokovs Vorlesungen über russische Literatur vereint. Noch vor Beginn seiner akademischen Laufbahn in Amerika hatte Nabokov sich im Jahr 1940 die Mühe gemacht, einhundert Vorträge über russische Literatur zu Papier zu bringen, später noch ein zweites Hundert über große Romanciers von Jane Austen bis James Joyce. Nie habe er so schwer gearbeitet wie in diesen Monaten, schrieb er damals an Freunde. Aber diese Vorträge hatten ihm am Wellesley College und an der Cornell University zwanzig unbeschwerte akademische Berufsjahre verschafft – bevor er dann vom Wirbelsturm Lolita endgültig aus den Universitäten befreit wurde und sich nach Montreux zurückzog, wo er sein exquisites Spätwerk schuf.

Die vielfach überarbeiteten Skripte seiner Vorlesungen waren nicht für die Publikation gedacht, aber zum Glück hielt man sich nach seinem Tod nicht an das Verdikt. Schon 1981 erschien der drei Jahre später ins Deutsche übersetzte Band Lectures on Russian Literature, auf den die neue Ausgabe sich stützt. Dieter E. Zimmer hat die von Fredson Bowers zusammengestellten Lectures zum Teil neu sortiert, um neun bislang unbekannte Stücke aus dem Nachlass ergänzt, darunter drei Vorlesungen über Lermontow, und mit zusätzlichen Anmerkungen versehen. Der Band, um es vorwegzunehmen, ist eine der wuchtigsten Publikationen dieses Herbstes und jedenfalls a major treat.

Der Verfasser Lolitas – was für ein genauer, kluger Leser er war! Und ein Polyhistor von so immensem Wissen, dass man immer wieder aufs Neue staunt. Seine Fehlurteile konnten verheerend sein, aber im Reich der russischen Literatur, für die er glühte, war er der demütige Souverän. Er kannte jede Zeile und jeden Vers. Ist es ein Fehlurteil, wenn er jenen Nasenpickel Dostojewski, im Vergleich mit Puschkin und Tolstoi, für einen eher mittelmäßigen Autor hält? Die Figuren sagten nie etwas, ohne zu erbleichen, zu erröten oder zu taumeln, hält er über den Idioten fest, und Raskolnikow sei wie fast alle Fjodorschen Helden nicht ganz richtig im Kopf. Den Aufzeichnungen aus einem Kellerloch gesteht er immerhin ein wunderbares Gespür für Tragikomik zu.

Nach dem Recht zu erschaffen ist das Recht zu kritisieren das reichste Geschenk, das Gedanken- und Redefreiheit zu bieten haben
Vladimir Nabokov

Tragikomisch scheint ihm das Schicksal Dostojewskis überhaupt. Die Nornen hätten ihn eigentlich dazu auserkoren, Russlands bedeutendster Dramatiker zu werden, aber er nahm die falsche Richtung und wurde Romancier. Selbst Die Brüder Karamasow kommen Nabokov wie ein ausuferndes Theaterstück vor, mit gerade genug Möbeln und Requisiten für die verschiedenen Schauspieler: einem runden Tisch mit dem nassen Rund eines Glases, einem Fenster, das gelb gestrichen ist, damit es aussieht, als scheine draußen die Sonne, oder einem Strauch, den ein Bühnenarbeiter hastig hereingeschleppt und irgendwo abgestellt hat.

Wie anders bei Puschkin, der einzige Autor, bei dem Nabokovs Verehrung fast religiöse Züge annimmt. Schon der Versuch, den Götterjungen, der einem Komplott am Hof des Zaren zum Opfer fiel, einer literarischen Bewegung zuzuordnen – allein dieser Versuch scheint ihm so absurd wie die Überlegung, ob das Flugzeug eine Weiterentwicklung der Lokomotive oder des Trockendocks sei. Auch Gogol ist Nabokov heilig, schon weil Puschkin sein Genie erkannt hatte. Mit großer Nachsicht berichtet Nabokov von Gogols Verfolgungswahn, und selbst Schwächen im Werk rechtfertigt er: Die Lücken und schwarzen Löcher in der Textur von Gogols Stil verwiesen auf Fehler in der Textur des Lebens selbst. Sehr großzügig! Und sehr schön, was er über Turgenjews gut geölte Prosa sagt, mit Sätzen darunter, die an eine Eidechse erinnern, die von der Sonne behext auf einer Mauer sitzt – "und seine zwei oder drei letzten Wörter krümmen sich wie der Eidechsenschwanz". Dass bei Turgenjews Beerdigung in St. Petersburg der Trauerzug fast drei Kilometer lang war, wird auch die amerikanischen Studenten beeindruckt haben. Mehr noch, dass Nabokov persönlich den Schriftsteller kannte, den Dostojewskis erste Frau später geheiratet hatte – eine wahre Teufelin, wie Nabokov andeutet. Nicht zu vergessen, was er als Kind auf einem Gang durch die Stadt erlebte. Sein Vater, der an der Straßenecke gerade einem kleinen alten Mann die Hand gegeben hatte, sagte dem jungen Vladimir: "Das war Tolstoi."

Der für Nabokov neben Puschkin der andere Riese war, vor dem fast alle verzwergen. Ältere Russen sprächen beim Tee von Tolstois Figuren wie von Menschen, die wirklich existierten und mit denen sie in Oblonskijs Lieblingslokal hätten gespeist haben können. Meisterhaft war Tolstoi vor allem in der Behandlung des Zeitgefühls. Seine Prosa hält Schritt mit unserem Puls, seine Gestalten scheinen sich im gleichen Takt zu bewegen wie die Passanten unter unserem Fenster, an dem wir beim Lesen seines Buches sitzen. Und das, obwohl er mit der objektiven Zeit so unbekümmert umgeht, dass in Anna Karenin – ohne "a" nach Nabokovs Vorgabe – das eine Paar ein Jahr mehr erlebt als das andere – in derselben Kalenderzeit. Das alles macht gar nichts, wenn man der Gigant ist, als den uns der kühl entflammte Exeget Leo Tolstoi in all seinen sublimen Ungeheuerlichkeiten vorführt.

"Der Zar und die Radikalen waren im Falle der Kunst beide Spießbürger"

Nabokovs ausführliche Kommentare zu Anna Karenin wären allein den Kauf dieses Bandes wert. Bekanntlich legte er bei seinen Studenten Wert darauf, dass sie skizzieren konnten, wie ein Wagen des Nachtzugs Petersburg–Moskau eingerichtet war. Man erfährt von ihm aber auch, welches Kleid Kitty beim Schlittschuhlaufen trug, wie man früher Tennis spielte und was die Russen zu Frühstück, Mittag und Abend aßen.

Die Vorlesungen verraten auch, wie genau Nabokov über alle sowjetisch-verhassten Dinge unterrichtet war. Es sind Bemerkungen wie die über den Unterschied zwischen empfindsam und sentimental. Der empfindsame Mensch sei niemals grausam. Der sentimentale Mensch könne ein wahrer Unhold sein. "Stalin liebte Babys. Lenin schluchzte in der Oper, vor allem bei La Traviata."

Maxim Gorki, trägt er seinen Studenten vor, macht mit neunzehn einen Selbstmordversuch, in der Tasche des Schwerverletzten findet man die Notiz, an seinem Tode bitte er, dem deutschen Dichter Heine die Schuld zu geben, der das "Zahnweh im Herzen" erfunden habe. Was ihn 1936 tatsächlich ums Leben brachte, war dann nicht deutsche Lyrik, sondern nach Nabokovs starker Vermutung die Tscheka, die ihn vergiftete. Nichts, was in jedem Lexikon steht.

Tolstois Ende war selbst gewählt. In der Zeit seiner späten Privatreligion – Jesus minus Kirche plus Buddhismus – hatte er das Romanschreiben als sündhaft erkannt und vorsätzlich den Künstler in sich zum Schweigen gebracht; mit gelegentlichen Ausrutschern wie dem Tod des Iwan Iljitsch, der laut Nabokov besten Erzählung der russischen Literatur. Bei starker Konkurrenz durch Tschechows Dame mit dem Hündchen. Aber genug; man muss das selber lesen, was er über den dritten seiner Herzensheroen schreibt.

Von ähnlicher Gründlichkeit wie Professor Nabokov ist sein bewährter Kommentator Dieter E. Zimmer. Notfalls lässt er es sich nicht nehmen, sogar den Meister zu korrigieren – auf einen Pedanten anderthalbe, wie es bei Goethe fast hieß. In einer Fußnote ersetzt er Nabokovs Erklärung, wie ausgerechnet die Stadt Darmstadt in den Traum Oblonskijs gerutscht sein könnte, durch eine plausiblere. Außerdem weist er einem von Nabokov zitierten Kommentator, der ein Verschen Oblonskijs auf das Libretto von Johann Strauss’ Fledermaus zurückführt, die tatsächliche Abkunft des Verses aus einem Gedicht Heinrich Heines nach, ebenjenes Beinahe-Gorki-Mörders – was wiederum Tolstoi einen angeblichen Anachronismus erspart, denn die Operette wurde erst zwei Jahre nach dem Zeitpunkt der Roman-Anspielung uraufgeführt.

Der Zar und die Radikalen waren im Falle der Kunst beide Spießbürger
Vladimir Nabokov

Ein großer Teil dieser Vorlesungen besteht aus Zitaten (genauer, wie Zimmer berechnet, 27 Prozent). Der Herausgeber stand mithin vor dem Problem, ob er einfach die englischen Übersetzungen, die Nabokov zähneknirschend benutzt hatte, ins Deutsche überträgt – oder ob er den mühsameren Weg wählt. Natürlich entschied Zimmer sich für Letzteres. Er hat von sämtlichen zitierten Texten urheberrechtsfreie deutsche Ausgaben gesucht und mit den englischen Fassungen abgeglichen, Zweifelsfälle wurden von der Slawistin Sabine Hartmann an den russischen Originalen überprüft. Sorgfältiger ging es nicht, und wieder einmal ist diese Edition von Nabokov-Schriften nicht nur vorbildlich, sondern weltweit die beste.

Ganz froh wird man nur mit der Übersetzung nicht. Zimmer schwankt etwas zwischen den Registern. Einerseits "tragische Tribulationen" – gut, ein Stabreim, aber was sind gleich wieder Tribulationen? Andererseits trägt er sprachlich oft Jeans, wenn man so sagen darf, und gibt es bei Dostojewski "Zoff". Was genau ist ein "akut bewusster maushafter Mann"? Das wird so akut nicht völlig klar. Und muss Nabokov wirklich von einem "hundertprozentigen Gutmenschen" sprechen, auch wenn es Kurt Scheel freuen wird, der den Begriff mit so fulminantem Erfolg in die Welt gesetzt hat?

Aber zugegeben: Auch in Nabokovs Vorlesungen sagt ein russischer Adliger um 1875 "okay". Nabokov richtete sich mit ihnen an zwanzigjährige, völlig unbelesene College-Studenten, gerade das macht ihren Charme aus. Der Souverän der russischen Literatur, der vor der amerikanischen Jugend aus der Fülle schöpft – da kann der Mandarin auch einmal chillen, wie es bei Zimmer dann doch nicht heißt.