Der romantische Weg nach innen führte mitunter in den Abgrund der Gewalt. "Und wenn sie winselnd auf den Knien liegen, / Und zitternd Gnade schrein, / Laßt nicht des Mitleids feige Stimme siegen, / Stoßt ohn’ Erbarmen drein!", dichtet der Romantiker Theodor Körner zur Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon. Unverhohlen verachtet er das Mitleid als ein Gefühl der Schwäche, das es im Dienste nationaler Ziele zu suspendieren gelte: Körner predigt eine Moral der Erbarmungslosigkeit; er erklärt den Kampf gegen die Franzosen zum Vernichtungskrieg.

Das Militärhistorische Museum in Dresden hat dafür mit dem Titel seiner Ausstellung zur Leipziger Völkerschlacht 1813 einen so drastischen wie treffenden Begriff gefunden: Blutige Romantik. Das Museumsplakat zeigt ein blutbespritztes Eichenblatt. Der Traum vom teutschen Vaterland gebiert Verwüstung und Tod. Oder illustriert das Bild die Sicht der national gesinnten Zeitgenossen? Blutet hier das Eichenblatt, von einer – französischen – Kugel durchschossen?

Wer die Ausstellung betritt, dem eröffnet sich noch eine dritte Lesart: Auf dem Fußboden sind die Schlachten der Napoleonischen Kriege aufgelistet, jeweils mit der Zahl der Opfer. Die Besucher schreiten buchstäblich über die Toten hinweg, und an einer Stelle gibt der Boden sogar den Blick auf ein Skelett frei – auf Knochen und Schädel eines von einer Kanonenkugel getöteten Pferdes, das Archäologen, neben den Überresten von 19 Soldaten, in Leipzig geborgen haben.

Fünf Millionen Menschen, schätzt die Historikerin Karen Hagemann, starben in den Kriegen der Jahre 1792 bis 1815, vom ersten Feldzug des revolutionären Frankreichs bis zur Niederlage Napoleons bei Waterloo. Gemessen an der Bevölkerungsgröße Europas, entspricht dies den Verlusten während des Ersten Weltkriegs. Die Epoche der Romantik fällt recht genau mit den mehr als 20 Kriegsjahren zusammen. Auch in insofern war sie eine blutige Zeit. Erstmals in der Geschichte stürmten Massenheere aufeinander los: In die Leipziger Völkerschlacht zogen rund eine halbe Million Soldaten, auf der einen Seite die Truppen Preußens, Österreichs, Russlands und Schwedens, auf der anderen die französischen Streitkräfte. Rund 100.000 von ihnen fielen in den vier Tage währenden Kämpfen. Am 19. Oktober 1813 waren die deutschen Lande von der französischen "Fremdherrschaft" befreit, und Leipzig glich einem Leichenhaus.

Vieles bleibt in der Schwebe

Die Dresdner Schau will nachzeichnen, wie die Ereignisse gedeutet und manchmal schon im Moment des Geschehens romantisiert und zum nationalen Mythos geformt wurden. Ein ehrgeiziges Vorhaben, vielleicht ein unmögliches, denn um die Wechselwirkung zwischen politischem Geschehen und romantischer Weltbetrachtung auszuloten, brauchte es mehr Erläuterung, als einer Ausstellung zuträglich wäre. Auf Texttafeln weitgehend zu verzichten und den Fundstücken aus der Völkerschlacht (Säbel, Fahnen, Uniformen, Napoleons Depeschenmappe) einfach nur effektvolle Projektionen romantischer Gemälde von Caspar David Friedrich und Georg Friedrich Kersting entgegenzustellen ist allerdings auch keine Lösung. Die Objekte und Werke sollen für sich sprechen, sagt Museumsleiter Matthias Rogg. Das tun sie auch – oft aber nur zu dem, der schon Bescheid weiß.

Womöglich fürchtete man auch, mit der Frage nach der "blutigen Romantik" vermintes Gelände zu betreten, und beließ die Dinge deshalb in der Schwebe. Erst im Frühjahr hatte eine Kunstschau im Pariser Louvre die – deutschen – Gemüter erregt. Schon der Titel lud zum Missverstehen ein: De l’Allemagne. 1800–1939. Als führe ein kurzer, gerader Weg von der Romantik in den Zweiten Weltkrieg. Das ist natürlich Unsinn. Doch es wäre ebenso falsch, jeden Zusammenhang zu leugnen. Das hätte also ein wunderbares Thema ergeben: einmal genau zu bestimmen, wo schwelgerische Innerlichkeit in Gewaltlust umschlug, wo das romantische Individuum Sehnsucht nach dem Kollektiv bekam, wo die Dichter und Maler mit ihren Out-of-Bed-Frisuren und den offenen Hemdkragen der Drang befiel, Uniform zu tragen und nach Vernichtung zu schreien. Wie erklärt sich diese "Dialektik der Romantik"?

Die Ausstellung gibt darauf nur diese eine Antwort: Napoleon. Die sich absolut setzende Aufklärung, die mit ihren Heeren ganz Europa überrannte, provozierte ihr Gegenteil, die Beschwörung des Alten und Verlorenen, des Mittelalters, der deutschen Kultur, des deutschen "Wesens".